Manche Musiker:innen entdeckt man heute zunächst im digitalen Äther, denn natürlich ist nicht jedem vergönnt, weit zu reisen, um Konzerte zu besuchen. Doch die Plattformen machen es möglich, dass man auf Künstler:innen aufmerksam wird, die man sonst vielleicht gar nicht beachtet hätte. Mehr zufällig stieß ich also vor einigen Jahren auf die katalanische Pianistin Laura Farré Rozada, die ein Stück von dem von mir sehr geliebten Olivier Messiaen in die Tasten katapultierte, und zwar auf eine so emotionale Weise, dass der Flügel wie ein großer asiatischer Gong klang.
Da lohnte es sich dranzubleiben, und tatsächlich ist Laura Farré Rozada auch in der Pianistengilde außergewöhnlich unterwegs, denn neben ihrer Leidenschaft für die schwarzen und weißen Tasten widmet sie sich ebenso professionell der Mathematik. Nach ihren Studienabschlüssen erhielt sie sogar eine eigene Radio-Reihe zu dieser Thematik, arbeitet forschend an der Universität in Barcelona und gibt Lectures und Recitals rund um den Globus – mal zur Mathematik, mal zur Klaviermusik oder auch beides zusammen, denn da gibt es vielfältige Berührungspunkte.

Vor allem Komponisten müssen sich mit Proportionen, Schichtungen oder Abläufen gut auskennen, und so ist es kein Wunder, dass Laura Farré Rozada einen deutlichen Schwerpunkt in der zeitgenössischen Musik und in der kontinuierlichen Arbeit mit lebenden Komponist:innen findet, welche ihr auch Werke widmen. Ihre bislang drei CDs sind dahingehend auch dramaturgische Kostbarkeiten, denn sie wählt die Werke aus Tradition und Moderne sorgfältig aus und läßt sie in einen Dialog treten, der von Kontrasten und überraschenden Wirkungen lebt.
Ende letzten Jahres erschien ihr drittes Solo-Album namens „Araspel“, das ein armenisches Wort ist und soviel wie „Legende“ bedeutet. Damit ist man auch bei einem der Fäden des neuen Albums, denn Farré Rozada hat einige armenische und bulgarische Klavierkompositionen zusammengetragen, die sicher bislang vollkommen unbekannt waren oder haben Sie schon einmal Namen wie Dimitar Nenov, Alexander Spendiaryan, Alexei Stanchinsky, Eduard Abramian gehört? Eher bekannt ist der Komponist Komitas (ebenfalls wie Laura Farré Rozada universalgelehrt) oder der Amerikaner Alan Hovhaness, der armenische Wurzeln in seiner Familie besaß. Dass wir viel zu wenig über Armenien, ein hochentwickeltes Land mit einer der ältesten Zivilisationen der Welt wissen, wird auch beim Hören der Musik schmerzlich bewusst.
Laura Farré Rozada stellt in die Mitte ihres Programms ausgerechnet Debussys Zyklus „Pour le Piano“, und das ist nicht als Zugeständnis gemeint, noch etwas Bekanntes hinzufügen zu müssen (denn auch dieses Klavierwerk wird nicht so oft gespielt im Vergleich zu Debussys anderen Stücken), sondern es bietet einen weiteren reizvollen Anknüpfungspunkt, um die armenischen Kompositionen einzuordnen oder besser zu verstehen. Denn obwohl die Armenier manchmal etwas massiv klingen oder sich natürlich auch in der spätromantisch geprägten russischen Schule bedienen, so ist dort oft eine poetische Eigenheit zu finden, die Farré Rozada mit ihrem lichten, angenehmen Spiel ganz natürlich offenlegt.
Ein gutes Artwork gehört ebenfalls zu der leider bislang nicht in Deutschland vertriebenen CD, aber die Musik läßt sich auf allen Plattformen hören und die CD ist auch über Farré Rozadas Website verfügbar. Und wer ihren Kalender genau checkt und zufällig in spanische oder englischsprachige Gefilde reist, könnte sie sogar live erleben – hoffentlich auch bald auf deutschen Festivals oder in Kammermusiksälen!
Laura Farré Rozada: ARASPEL (2025)
Featuring works by well-known historical composers (Debussy, Babadjanian, Komitas); others being rediscovered (Nenov, Spendiaryan, Abramian, Bortkiewicz, Hovhaness, Stanchinsky); two female composers (Chebotarian, Amiryan) and a work commissioned from Israeli-American composer Ofer Ben-Amots – listen on platforms

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