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Traum I

In guter alter Surrealistentradition, und zweitens weil man die Dinger eh viel zu schnell vergisst gibt es ab heute eine kleine Rubrik für die Experimentalfilme, die bei mir im Unterbewusstsein von Zeit zu Zeit in Farbe und widescreen ablaufen. Heute war es so hart, dass ich um halb vier relativ zerfetzt in der Küche saß. Psychologen ran ans Werk:

ich bin in einem Restaurant, offenbar irgendwo in Frankreich, denn um mich herum höre ich nur diese Sprache, im weiteren Verlauf des Traumes denke und spreche ich allerdings Deutsch. Eine gute Freundin lade ich zum Essen ein, alles ist wunderbar harmonisch und angenehm. Ich bestelle einen Hauptgang, dazu Salat, anschließend Kaffee, dazu ein paar Kekse. Die Kellnerin spricht nur französisch, sie empfiehlt mir das eine oder andere, ich vertraue ihr und liege damit richtig, denn das Essen ist sehr lecker. Anstelle der Kekse hat sie mir eine kleine Platte mit Pralinen gebracht, auch der Salat schmeckte vorzüglich. Ich gehe zur Theke und bitte um die Rechnung, der Kellner dort hat drei Zettel in der Hand, den längsten dieser Zettel zieht er heraus und reicht ihn mir. Ich bekomme einen Schock: 550 Euro. Es folgen dramatische Szenen, zunächst mit der Kellnerin, die meinen Tisch bediente, sie gibt sich stur. Ich hätte ja schließlich immer „Ja, gerne“ gesagt. Einen weiteren Kellner, der mir sympathisch erscheint, winkt ab – die Pralinen entpuppen sich als Trüffel, allein der Salat schlägt mit 35 Euro zu Buche. Meine Bekannte wirkt leicht säuerlich, sie geht nach draußen zum Rauchen und gibt mir zu verstehen: du hast mich eingeladen, nun siehe du zu… Ich stürze verzweifelt hinter der Theke, verlange den Chef zu sprechen, höre im Hintergrund eine tiefe Männerstimme „Il faut payer“ sagen, ich sage zu ihm „Kann ich mit ihnen reden?“. Natürlich, ich schildere ihm unter Tränen meinen Irrtum. Man bleibt hart, ich habe bestellt und gegessen, ich soll bezahlen. Starre meinerseits, ich sitze im Bett. Nacht zu Ende.

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Veröffentlicht in nuits sans nuit

7 Kommentare

  1. Abhauen. Die haben kein Inkasso.

    Um die Frau kümmern 😉

  2. Also, du willst das Essen (steht für Genuß im Allegemeinen denke ich) genießen, hast aber Angst, einen zu hohen Preis dafür zu zahlen. Jetzt musst du überlegen: was in deinem Leben könnte zu teuer bezahlt sein?

    • ich hatte eher die Vermutung, dass ich vorsichtig mit Dingen sein sollte, die mir über den Kopf wachsen könnten, oder wo ich mich mit zu ungenauem Blick hineinstürze. Interessant finde ich den Aspekt, dass die Dame des Diners eine absolute Nebenrolle spielt. Aber Eure Deutungen sind auch durchaus möglich…

  3. hm. was ich mich ja da frage, ist, warum du die trüffel nicht als solche erkannt, sondern als pralinen gegessen hast. vll versteht deine umwelt nicht, was du wirklich willst.

    • ich ess so selten Trüffel, da hätte das durchaus so passieren können. Aber der andere Teil ist möglich: ich hätte nicht „Ja gerne“ sagen dürfen, ohne zu wissen, was da auf mich zukommt…

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