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Frühlingsopfer und Sommerfest

Japan Philharmonic Orchestra mit Akutagawa, Mendelssohn und Strawinsky

Dass die europäisch geprägte Orchesterkultur auch in Japan mittlerweile eine Tradition hat, läßt sich am Jubiläum des Japan Philharmonic Orchestra ablesen: 50 Jahre besteht das Ensemble in diesem Jahr und ist in seiner Heimat einer der renommiertesten Klangkörper mit einem umfangreichen Konzertangebot. Zu den Musikfestspielen konnte man diesem Orchester bereits beim Eröffnungskonzert lauschen – im Kulturpalast stellten die rund einhundert Musiker ihr Tourneeprogramm vor, das sie am Wochenende auch beim Prager Frühling vorstellten. Der Komponist Yasushi Akutagawa (1925-1989) dürfte hierzulande nahezu unbekannt sein. Das „Triptychon für Streicher“ aus dem Jahr 1953 ist repräsentativ für einen japanischen Kompositionsstil, der vor allem von melodischer Entwicklung und prägnanten Rhythmen geprägt ist. Die hohe Spielkultur des Orchesters zeigte sich hier bereits deutlich, der langjährige Chefdirigent des Orchesters Ken-Ichiro Kobayashi formulierte seine Absichten sehr temperamentvoll. Die zwanzigjährige Mayu Kishima gestaltete dann den Solopart in Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert. Die in Deutschland studierende Japanerin zeigte einen großen Ton auf der Geige, konnte aber mit ihrer Kraft nicht immer haushalten, so geriet der 1. Satz zu einem Stierkampf, bei dem der Sinn für Details auf der Strecke blieb. Kobayashi fuhr zudem den Orchesterpart auf einen lediglich im Hintergrund wabernden Teppich zurück, das raubte dem bekannten Stück jeglichen Reiz. Im langsamen Satz störte Kishimas unflexibles, hartes Vibrato, der 3. Satz versöhnte jedoch mit Spielfreude und vor allem technischer Präzision. Diese Präzision, gepaart mit Homogenität in den Instrumentengruppen und einem regelrechten Solotanz von Kobayashi am Dirigentenpult führte dann zu einem exorbitant wuchtigen „Sacre“ von Igor Strawinsky. Mit einer äußerst exakten Akzentuierung kam Kobayashi dem heidnischen Duktus dieser Musik erschreckend nahe, diese Lesart des „Frühlingsopfers“ hätte wohl auch dem Komponisten Freude bereitet. Mit unmissverständlichem Vorwärtsdrang in den Steigerungen führte diese Interpretation zu berechtigt großem Jubel, der noch eine Steigerung erfuhr, als die Japaner als Zugabe ein „japanisches Sommerfest“ mit wildem Trommelfeuer zelebrierten. Musik aus einem sehr fernen Land, ganz plastisch und faszinierend.

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