Springe zum Inhalt →

Mozart „auf leisen Sohlen“ extrem spannend musiziert

Kammerorchester Basel unter Paul McCreesh gastierte in der Frauenkirche

Während die Dresdner Musikergarde saisonal bedingten Urlaub genießt, erlebt man an den Konzertorten der Stadt viele sommerliche Gastspiele renommierter Künstler. Kaum ein Dresdner verirrte sich daher am Sonnabend zum Konzert in die Frauenkirche, diese war fest in Touristenhand, und diese Hände bekam der Musikgenießer auch lautstark zu spüren. Die Unart, nach jedem Satz einer Sinfonie, in Liederabenden der Semperoper sogar nach jedem noch so kurzen Lied, in ein Getöse von Beifall auszubrechen, verhagelt den Musikgenuss und ist für Musiker wie für das in Ruhe genießende Restpublikum höchst ärgerlich. Das Häppchenkulturradio bestimmt die Zielrichtung: nicht das ganze Werk zählt, nicht die Atmosphäre des „Nachhörens“ nach einem Satz oder Kontraste und Zusammenhang zu begreifen – läßt der Dirigent die Arme sinken, rast das Publikum. Nicht weil es toll war, sondern weil man sich nicht anders zu helfen weiß. So ist hier von einem hochrangigen Konzert zu berichten, bei welchem die Musiker nur zu bewundern waren, die nach jeder Klatschattacke wieder zurück zur Musik gefunden zu haben. Das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Paul McCreesh näherte sich einem Mozart-Programm auf sehr kundige, absolut faszinierende Weise. Paul McCreesh hat spätestens mit seiner kürzlich erschienen Aufnahme der c-Moll-Messe von Mozart bewiesen, dass seine fundamentale Erfahrung mit barocker Musik Aufführungen der Wiener Klassik um spezielle Sichtweisen durchaus bereichert. McCreeshs Tempi waren sehr schnell, aber nie überzogen. Ein stetiger Wechsel zwischen konsequent ausgeführter schwerer und leichter Betonung schafft Spannung. Das prägnante, nicht romantisierende Spiel hatte zudem den Effekt, dass Mozart locker und luftig blieb, erstmals hatte ich in der Frauenkirche das Gefühl, dass Musiker sich die schwierige Akustik souverän zu Nutze machten. Der 2. Satz der Sinfonie C-Dur KV 338 etwa war als fein gesponnene Romanze auf äußerst „leisen Sohlen“ inszeniert, McCreesh wagte nicht einmal ein mezzoforte, man wurde zum Hinhören gezwungen, das Konzept ging auf. Der französische Geiger Renaud Capucon hatte keinen weiten Weg zur Kirche, denn er ist derzeit als gefeierter Kammermusiker im Moritzburg Festival aktiv. Was er aus Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 herausholte, war schlicht beeindruckend. Sein leichter, fließender Ton, die Zwiesprache mit dem Orchester, die Themenformung, all dies bildete große Natürlichkeit aus. Dieses zarte Werk verdient keine schwere Emphase, die vitale Spiellaune von Orchester und Solist formte eine formidable Interpretation. Mozarts „Opus Summum“ der sinfonischen Gattung, die „Jupiter“-Sinfonie C-Dur, KV 551, bildete den Abschluss des Konzertes. Die drei Tuttischläge zu Beginn zeichnete Paul McCreesh als Einheit und gab so die Zielrichtung vor: das sehr schnelle, niemals forcierte Tempo führte zu größeren Bögen und machte die Architektur der Sinfonie plastisch. Harmonische Übergänge nahm der Dirigent nicht selbstverliebt verlangsamend, sondern selbstverständlich, fast Klausel-ähnlich. Die Wirkung ist immens. Niemals aber vergaß McCreesh dabei das Atmen und Schwingen der Musik und erreichte so einen organischen Fluss. Solch eine in allen Orchestergruppen nachvollzogene Deutung sollte eigentlich in der Mozart-Rezeption mittlerweile Standard sein, läßt sich aber wohl nur in darauf spezialisierten, hochrangigen Ensembles wie dem Kammerorchester Basel realisieren.

Veröffentlicht in Rezensionen

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.