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Von der russischen Seele

5. Zykluskonzert mit Sergej Nakariakov und Olari Elts

Ein russisch-armenisches Programm, geleitet von einem estnischen Dirigenten, bot die Dresdner Philharmonie am Wochenende im 5. Zykluskonzert der laufenden Saison. Peter Tschaikowskis große Orchesterwerke und Sinfonien sind den Zuhörern geläufig, sie erklingen regelmäßig in den Konzerten. Die Bühnenmusik zu „Schneeflöckchen“, die zeitlich etwa mit der Entstehung seiner 2. Sinfonie zusammenfällt, ist nicht im Konzertrepertoire verblieben. Der junge Gastdirigent Olari Elts musizierte mit dem Orchester drei Sätze aus diesem „Frühlingsmärchen“. Angesichts der raffinierten Orchestrierung war diese Aufführung eine Bereicherung, wenngleich der „Tanz der Gaukler“ in einem wahren Geschwindigkeitsrausch zwar jede Menge Phonstärken entfaltete, Elts aber dem stetig hinterherhechelnden Orchester vor allem etwas hätte nachgeben sollen, um schnellen Binnenwerten der Partitur eine deutlichere Zeichnung zu geben. Ein wahrer Star der Klassik-Szene war dann im Kulturpalast zu erleben: Sergej Nakariakov gilt weltweit als einer der besten seiner Zunft – seiner Trompete entlockte er auch im Philharmoniekonzert wahrlich „goldene“ Töne. Das Instrument selbst ist stets von den Komponisten sträflich vernachlässigt worden. Zwischen Haydn, Hummel, Schostakowitsch und Zimmermann bekommt man vielleicht ein Dutzend bekannte Trompetenkonzerte zusammen – Alexander Arutjunjans Beitrag aus dem Jahr 1950 hat vor allem aufgrund seiner Eingängigkeit ins Repertoire gefunden, ansonsten ist der 1920 geborene Komponist in westlichen Gefilden kaum vertreten. Nakariakov wirkte auf der Bühne äußerst unprätentiös, stellte sich ganz in den Dienst der Musik und spielte das Konzert mit einer kompromisslosen Selbstverständlichkeit, die fast vermuten lässt, der Solist sei mit den paar Noten unterfordert gewesen. Ist dies ein Kompliment? In jedem Fall, denn die kleine Zugabe zeigte dann doch einen winzigen Ausschnitt derjenigen Virtuosität, die Arutjunjans Konzert ihm eben nicht abforderte – dieses Trompetenkonzert betonte mehr die singbaren, volkstümlich anmutenden Melodiewelten. Nakariakovs absolut reine und klare Klanggebung ist dennoch einzigartig und bewundernswert. Etwas grob und nicht unbedingt vertraut mit dem Werk zeigte sich das Orchester, das vor allem im ersten Teil des Konzertes im Zusammenspiel mit Elts und dem Solisten nicht gut ausbalanciert war, dann aber immer besser „ins Spiel“ fand. Sergej Rachmaninows 3. Sinfonie, die nach der Pause erklang, atmet russische Seele im amerikanischen Exil des Komponisten. Im Gegensatz zur breit angelegten 2. Sinfonie ist Rachmaninows letzte Sinfonie zwar knapper formuliert, dafür aber verstrickt sie sich oft in zielloser Kontrapunktik, dem ein angestrengtes Fugato im letzten Satz die Krone aufsetzt. Olari Elts zeigte mit der Philharmonie zwar eine insgesamt gute Leistung, überzog aber auch hier manchmal die Tempi, dadurch verwischten die Strukturen. Etwas mehr Ruhe in den Übergängen und eine konsequente dynamische Abstufung hätte ein besseres Ergebnis gebracht. Insbesondere bei den Blechbläsern waren auch manche Akkorde überprüfenswert. Positiv fielen jedoch viele kantable Passagen auf, die Elts rubato ausmusizieren ließ und so den Philharmonikern Möglichkeiten zur flexiblen Gestaltung in den zahlreichen Soli gab.

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