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Scary music

Varèse und Zappa in „Philharmoniker anders“

Dass diese hervorragende Konzertreihe der Dresdner Philharmonie überhaupt noch „anders“ heißt, sollte schnellstens überdacht werden, denn rein von der Atmosphäre im Saal und vom Mut und Engagement der Musiker aus gesehen hat das mit einem „Ableger“ der normalen Philharmoniekonzerte nichts mehr zu tun – die Reihe hat sich längst verselbständigt, der Alte Schlachthof ist stets gut besucht. Und so avancierte dort im Konzert am Sonnabend das Orchestergemälde „Amériques“ von Edgard Varèse zum Kultstück, das Strawinskys „Sacre“ maximal wie eine Gute-Nacht-Geschichte aussehen läßt. Erst recht begeistert konnte man von der fabelhaften Leistung der Philharmoniker sein, die unter Leitung von Roland Kluttig – ausgewiesener Spezialist vor allem in der zeitgenössischen Musik – nicht nur Phonstärken unter die Leute brachten, sondern auch die vielen Ebenen, rhythmischen Zellen und Wellen konsequent plastisch machten. Hier sei nur das Finale von „Amériques“ genannt, in welchem Kluttig einen konsequent klaren Puls als Basis der verschiedenen klangfarblichen Ebenen aufrechterhielt und so die Apotheose wirklich bis zum Schluss spannend machte. Im Mittelpunkt des Konzertes standen jedoch drei Orchesterkompositionen von Frank Zappa – die Verbindung zu Varèse ist in vielen Passagen nahezu ohrenfällig. Überliefert ist die Geschichte, dass der junge Zappa von einer Varèse-Platte so überwältigt war, dass er mit dem Komponisten per Telefon Kontakt aufnahm. Außenseiter waren beide, dem Experiment zugeneigt ebenfalls, kritisch und zum Perfektionismus neigend auch. Das ist akribische Kunst – im Fall Zappa geht das allerdings nicht ohne untergründigen, eigenen Humor ab, der, wenn er sich wie in „Bogus Pomp“ (etwa: „falsche Pracht“) plötzlich Bahn bricht, jenseits von Platitüden meist eine andere, tiefere Ebene erreicht – „scary music“ nannte Zappa dies selbst. Hollywood zieht dort in Schräglage vorüber, so manche Volksmusik und gar serielle Passagen lassen sich ausmachen, zum Schluss versinkt das Stück in Nikotinschwaden – Musik zum Sehen und Schmunzeln. Zappas Orchesterwerke würden kaum einer speziellen Ästhetik zuzuordnen sein – Zappa ist vielseitig und die Orchestrierungen sprechen eine eigene, starke Sprache. Und wenn „Bogus Pomp“ vor dem vorzüglichen Solisten-Dramolett eine Weile klanglich ausfranst und zerfasert, so ist Zappa genau an diesen Stellen Varèse in der Ästhetik reiner Klang-Musik besonders nah. Kluttig nannte den Abend im Schlachthof mit Recht „Klang-Theater“, denn die vielen Farben und Gesten sowohl in „Amériques“ als auch in den Zappa-Werken sprechen für sich selbst. Schön, dass „Bogus Pomp“ auf der einen Seite von der eher lichten Ballettmusik (zu der niemals jemand tanzte, aus gutem Grund) „Sad Jane“ umrahmt wurde, auf der anderen Seite von „Strictly Genteel“, wie „Bogus Pomp“ ebenfalls ein Grenz-Stück einer stets auf der Kippe befindlichen Aussage. Zappa besaß Handwerk und Ideen genug, um große Orchesterpartituren niemals ins Banale oder gar Belanglose abgleiten zu lassen, der Grenzritt gelingt durchweg. Nicht nur für eine ganze Batterie von Schlagzeugern gab es am Samstag den „großen Auftritt“, die Gleichberechtigung aller Instrumentalgruppen forderte in den Stücken von der Dresdner Philharmonie Äußerstes und die Musiker legten eine Spitzenleistung hin. Dem gleichzeitig mitreißenden, fordernden und kontrollierenden Dirigat Roland Kluttigs ist eine exzellente Darstellung dieser selten zu hörenden, reichlich genial zu nennenden Werke zu verdanken.

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Veröffentlicht in Rezensionen

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