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Schattenrisse und Momentaufnahmen

Versuch eines „philosophischen Konzertes“ in Hellerau

Mit einiger Vorab-Verwirrung konnte man dem Konzert am Mittwochabend im Festspielhaus Hellerau im Rahmen der „Tage der Zeitgenössischen Musik“ begegnen. Angekündigt war das italienische Ensemble „Alter Ego“ mit der deutschen Erstaufführung von fünf philosophischen Kantaten: fünf namhafte Komponisten widmeten sich fünf Philosophen der Gegenwart unter den Fragestellungen „Welchen Klang hat ein Gedanke?“ oder „Wie singt die Vernunft?“. Die Verwirrung lag eher in der Unmöglichkeit der Vorstellung, hier einem „normalen“ Konzertabend beizuwohnen, dementsprechend erschien auch das Wörtchen „komplex“ schon gleich in der recht dürftigen Programmbeschreibung. Insgesamt dürftig blieb auch die Essenz des Konzertes, und dies vor allem, weil schon der Anspruch der Annäherung, nicht einmal der Darstellung geschweige denn der Rezeption oder Interpretation, an die fünf verschieden Persönlichkeiten nicht eingelöst wurde – Überforderung stellte sich sehr schnell ein, denn kaum ein Stück dauerte über eine Viertelstunde und man fiel von einem Kosmos in den nächsten. Heraus kamen auf diese Weise Blitzlichter, Schattenrisse und Momentaufnahmen. Gerne hätte man sich eingehendere Beschäftigung gewünscht, dazu hätte aber der Konzertcharakter aufgebrochen werden müssen: Anwesende Komponisten, ein diskutierendes Publikum oder ein umfassenderes Porträt wenigstens einer der fünf Philosophen hätte zu mehr Tiefe geführt. Es blieb beim Anriss: fünfmal las Ahmad Mesgarha ebenfalls skizzenhafte Texte der Philosophen (die erwähnten Interviews, auf die sich die Komponisten bezogen haben, dürften im Original weitaus länger gewesen sein), dann startete die „Philosophische Musik“ oder die „musikalisierte Philosophie“ in zumeist ansprechender Interpretation des Ensembles, ab und an war allerdings ein gleichmütiger Charakter zu bemerken, was wohl mit dem puren Abspielen der Noten innerhalb der Laufzeit der Videos zusammenhing. Ein Dirigent hätte hier Positiveres bewirkt. In Verbindung mit Videokunst und Elektronik war zumindest Abwechslung garantiert, denn die denkbar weit auseinanderliegenden Themen der Philosophen gesellten sich zu ebenso ästhetisch unvereinbaren Komponistenpersönlichkeiten wie David Lang und Helmut Oehring. Das sorgte für teilweise absurde Ergebnisse. Der Amerikaner David Lang meinte mit chirurgischen Bildern und einer Muzak-nahen, eiskalt-emotionslosen Komposition Noam Chomsky kommentieren zu müssen, was ebenso misslang wie die etwas holprige Annäherung von Claude Lenners an den Denker Emmanuel Levinas – Musik, die binnen Minuten vergessen wurde sowie Texte und Bilder, die allerhöchstens eine Scherbe im Kosmos des Philosophen darstellten. Erfreulich kretiv waren allerdings die drei weiteren Beiträge des Konzertes: Helmut Oehring überraschte mit einer punktgenauen Meta-Sprache, die er dem Neurobiologen Oliver Sacks unterlegte und damit wirklich der Kleistschen „Verfertigung der Gedanken beim Sprechen“ nahekam. Der Amerikaner Philip Jeck, Erfinder der Scratching-Technik, konnte über eine flächige, ruhige und differenzierte Musikgestaltung zumindest den Grundtopos Sprache-Poesie sowie Leben-Tod von Hans Georg Gadamer berühren. Das am stärksten berührende Werk war jedoch Luca Francesconis „Porträt“ von Norberto Bobbio, einem italienischen Philosophen. Von Musik wie Wort ging gleichermaßen eine hohe Energie und Aussagekraft aus, die „Schieflage“ der modernen Welt wurde ebenso radikal wie ehrlich über die Bühnenrampe gelärmt.

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