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Alte Moderne und zweimal Alleluja

Sächsische Gesellschaft für Neue Musik gründet ein Orgel-Forum

Nachdem die Sächsische Gesellschaft für Neue Musik in Dresden im Jahr mit zumeist ein bis zwei Konzerten regelmäßig präsent war, scheint sich noch in diesem Jahr einiges mehr zu tun: ein Forum für zeitgenössische Orgelmusik wurde gegründet, zudem gibt es noch drei weitere Konzerte der Gesellschaft vor allem mit Musik von Dresdner Komponisten. Das erste Konzert des Orgel-Forums „Modus Vivendi“, das eine Lanze für die oft vernachlässigten modernen Möglichkeiten der Orgelkomposition brechen will, fand am Sonntagabend in der Martin-Luther-Kirche statt. Die Gemeinde ist ohnehin bekannt für vielfältige Musikaktivitäten. Einige Bedenken hatte man womöglich wegen des Zustandes der Jehmlich-Orgel – würde dort zeitgenössische Musik, die sich in diesem Konzert auch noch mit dem Phänomen der Instabilität per se beschäftigte, angemessen erklingen? Doch das Konzert erzeugte keine Ver-Stimmung, im Gegenteil. Lydia Weißgerbers umfangreiches und doch klar gegliedertes Werk „Alleluja-Kommentar“ (2006) für Sopran (Dorothea Winkel), Sprechstimme (Lydia Weißgerber) und Orgel (Reimund Böhmig-Weißgerber) wurde gleich zweimal gegeben, dazwischen präsentierten sich Komponistin und Interpreten im lockeren Gespräch. Damit hebt sich diese neue Konzertreihe erfrischend ab von gängiger Konzertpraxis, die dem Zuhörer oftmals wahre „Brocken“ hinwirft ohne diese zu ausreichend zu dokumentieren oder dem Publikum einen Zugang zu erleichtern. Der Vers aus Psalm 111 („Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder“) und das vorangestellte Alleluja wurden auf diese Weise plastisch und wirkten keineswegs mehr „neu“, denn die Initiatoren des Konzertes setzten auch noch ein Werk von John Bull (1563-1628) ins Zentrum des Abends. Seine „Fantasia Ut-Re-Mi-Fa-Sol-La“ war auf damaligen Instrumenten nahezu unspielbar und muss daher unbedingt zur Avantgarde gerechnet werden – „Moderne“ gab es eben zu jeder Zeit und dementsprechend wandte sich Böhmig-Weißgerber in der Anmoderation auch vehement gegen die Unart, die Gegenwart ausschließlich mit publikumsfreundlichen Konservaten früherer Zeiten zu versorgen. Das Konzert, wenngleich noch von bescheidenem Publikumszuspruch, kam sehr gut an und dürfte auch zukünftig für frischen Wind in den Dresdner Kirchen sorgen: die nächsten Konzerte finden jeweils in anderen Gotteshäusern statt, allesamt mit neuen, spannenden Programmen.

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