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Gediegen und anspruchsvoll

Konzerte zum Jahreswechsel bei der Dresdner Philharmonie

Normalerweise befindet man sich am Nachmittag des Neujahrstages auf der Suche nach Rollmops und Kopfschmerztablette – maximal wagt man sich zu einem Spaziergang hinaus an die frische Luft. Von solcherlei Startschwierigkeiten unbeeindruckt zeigten sich allerdings die Konzertbesucher ebenso wie die Musiker der Dresdner Philharmonie. Letztere meisterten den Jahresübergang gleich mit vier Konzerten, da war wohl gerade noch Zeit für das „Prosit Neujahr!“ und ansonsten eher eine Mütze voll Schlaf. Klassisch hörte das Jahr auf, und klassisch fing es wieder an – man ist ja mitten in der laufenden Saison. Im Programm huldigte man den Wünschen und Erwartungen der anwesenden älteren Generation: Dreivierteltakt, Operettenseligkeit und Mitklatschen im „Radetzky-Marsch“ bestimmte das Konzert, das anstelle von schwerer Sinfonik der leichteren Muse verpflichtet war. Rechte „Heiterkeit und Fröhlichkeit“, wie das Programmheft gleich als Überschrift anempfiehlte, wollte im nüchternen Kulturpalast trotz (oder wegen?) dicker grün-weißer Blumenbukette auf der Bühne kaum aufkommen. Zwei einzelne Luftschlangen auf Notenpulten der Musiker wirkten da schon fast wie ein Versehen. Die Dresdner Philharmonie musizierte zunächst einen großen Programmteil mit Arien und Orchesterstücken von Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits in der Ouvertüre zur Oper „Così fan tutte“ zeigte sich, dass der richtige Dirigent für ein solches Programm eingeladen wurde: Der Görlitzer Generalmusikdirektor Eckehard Stier gastierte wieder einmal in Dresden und demonstrierte eindrucksvoll, dass sich leichte Muse und hochwertige Interpretation nicht ausschließen. Immer wieder leitete Stier zu flexibler Klangbalance an und gab den Mozart-Stücken damit Präzision, aber auch einen leicht schwingenden Ausdruck. Das Programm wurde von dem international renommierten Bariton Eike Wilm Schulte konzipiert, ein rechter „Faden“ ließ sich aber nicht feststellen, zumal der Ausfall des Schauspielers Zygmunt Apostol zu beklagen war. Vokal gestalteten Schulte und die Sopranistin Dagmar Schellenberger einen Großteil der Kompositionen des Konzertes, darunter bekannte Schmankerl wie die Figaro-Arie oder „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier“. Eine gewisse Gediegenheit war aber sowohl in der Programmauswahl als auch in der Interpretation nicht zu leugnen: Schulte kam kaum einmal aus der Rolle des netten, älteren Herrn heraus, während Schellenberger sich vor allem im Operettenteil wohl zu fühlen schien. Die wirklich ansprechenden Stücke waren eher die „Soli“ des Orchesters, nämlich Joseph Lanners fein ausgesponnener „Mozartisten-Walzer“ oder auch die bekannte „Donner-und-Blitz“-Polka von Johann Strauß. Stier wusste hier genau die Klangraffinessen herauszuarbeiten und konnte sich an diesem ersten Tag des neuen Jahres auf ein konzentriertes, klangrund agierendes Orchesterensemble verlassen. Trotzdem wäre zukünftig den Programmen gerade solch besonderer Tage eine Dramaturgie zu wünschen, die nicht ausschließlich musealen Gewohnheiten huldigt, sondern etwa das Neue, Erwartungsvolle, Offene eines neuen Jahres auch einmal in klingende Substanz umsetzt.

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