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Atmosphärisch und mitreißend

Herbert Blomstedt gastierte mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester

Vielleicht war es ein bißchen ein Nach-Hause-Kommen, als Herbert
Blomstedt am Freitagabend die Bühne des Kulturpalastes betrat. Vor rund dreißig Jahren musizierte der weltweit renommierte Dirigent als Chef der Sächsischen Staatskapelle auf dieser Bühne. Nun ist Blomstedt 80 und arbeitet nach weiteren Chef-Stationen in San Francisco, Hamburg und am Leipziger Gewandhaus freischaffend und gastiert seither bei den besten Orchestern der Welt. Von Müdigkeit oder Rückzug ins ruhige Rentnerdasein ist bei diesem Dirigenten rein gar nichts zu vermerken, und seine kraftvolle, ehrliche Musizierfreude teilt sich jedem Zuhörer im Konzert sofort mit. 2007 konzertierte er letztmalig mit der Staatskapelle, am Freitag jedoch stellte er das Gustav-Mahler- Jugendorchester im Konzert in Dresden vor, mit dem Blomstedt sich derzeit auf einer großen Oster-Tournee befindet. Das Konzert fand in Dresden als Vorgeschmack auf die Dresdner Musikfestspiele statt und war nicht ganz ausverkauft, wasnicht nur wegen Blomstedts Gastspiel schade war, denn Jugendorchester bringen zumeist besonders packende Interpretationen mit. Schließlich musizierte dort nicht irgendein Jugendorchester, sondern eines der besten in ganz Europa: das Gustav-Mahler-Jugendorchester, 1986 auf Initiative von Claudio Abbado gegründet, vereint die besten
Musikstudenten europäischer Musikhochschulen. Für diese gilt es
bereits als Auszeichnung, nach einem erfolgreichen Vorspiel ein Projekt in diesem Orchester mitspielen zu dürfen. Die meisten von ihnen werden später Stellen in den großen Orchestern der Welt finden. Treffen sie im Projekt des Jugendorchesters auf einen Dirigenten mit so reichhaltiger Erfahrung und so ausgeprägter Ausstrahlung wie Herbert Blomstedt, dürfte das Erlebnis einer Konzerttournee nachhaltig prägend sein. Blomstedt, der kaum programmatische Grenzen in seinen Programmen kennt, hatte für die jungen Musiker Bruckner und Sibelius ausgewählt; im
weiteren Verlauf der Tournee wird noch das Violinkonzert von Alban Berg hinzukommen. Sibelius‘ inwendig-dramatischen sinfonischen Abschied der 7. Sinfonie C-Dur, Opus 105 musizierte Blomstedt mit überraschender Nüchternheit, die aber absichtsvoll den melodischen Bereich der Sinfonie unterstützte und zum Glänzen brachte; dies war direkt an der ruhig strömenden Einleitung und dem warm musizierten Posaunen-Thema festzumachen. Geht man die rhythmischen Strukturen der Sinfonie ohne pathetische Handbremse an, erscheint dieses Stück gar nicht mehr nordisch-dunkel, etliche Dur-Passagen strahlten vor allem aus
der Holzbläser-Sektion. Wenngleich diese Interpretation vor allem aus verständlichem Lampenfieber der jungen Musiker nicht perfekt sein konnte und wollte, so war sie vor allem intensiv vom ersten bis zum letzten Ton. Auf Blomstedts inspirierendes und oft lobendes Dirigat konnten sich die Musiker ohnehin verlassen. Die musikalische Intensität hielt in der gewaltigen 5. Sinfonie B-Dur von Anton Bruckner an und brach sich nicht so sehr in den von Blomstedt niemals brutal, sondern organisch musizierten Höhepunkten Bahn, als eher in den kleinen Themenvariationen oder in der subtilen Anlage von Steigerungen. So waren es immer wieder die Satzanfänge und Übergänge, die faszinierten. Ein kleiner Seitenwink an die Geigen, eine schattierende Synkope in den Celli – dort waren die Geheimnisse versteckt, die Blomstedt dieser Partitur entlockte. Zudem war es erstaunlich, was das Orchester atmosphärisch leistete. Die Studenten gingen bis zum Äußersten, dies war auch noch am letzten Pult zu beobachten, sodass ein fast rauschhaft zu nennender Streicherklang entstand. Das Engagement der Musiker hielt mit Blomstedts immer wieder impulsiver, herausfordernder Leitung bis zur Schlussapotheose an, die man wohl selten bohrender und triumphaler gehört hat. Und doch kam die gesamte Sinfonie auf so natürlich freischwingende Weise daher, dass man für das plausible, letztlich schlichte Hörerlebnis dankbar war. Blomstedt und das Orchester wurden mit stehenden Ovationen gefeiert, die emotionale Atmosphäre war im ganzen Saal zu spüren. Es war der Dank für das Klanggeschenk eines großen Dirigenten, der auch heute noch in der Stadt einen außerordentlichen Ruf genießt und viele Erinnerungen hervorruft.

Veröffentlicht in Rezensionen

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