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Unbekümmertes Spiel

Widmann, Mozart und Schumann im 8. Zykluskonzert der Dresdner Philharmonie

Zum dritten Mal bereits gastierte der Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters, der Amerikaner John Axelrod am Pult der Dresdner Philharmonie. Diesmal übernahm er die Leitung des 8. Zykluskonzertes, in welchem erneut die Reihe „Komponist und Solist“ eingebettet war. Nach Lera Auerbach konnten die Dresdner nun den Münchner Jörg Widmann kennenlernen, einen vielseitigen Komponisten, der nicht nur für Neue-Musik-Ensemble, sondern auch für Sinfonieorchester und Opernbühnen schreibt. Zudem steht er als Klarinettist regelmäßig selbst auf der Bühne und kennt somit die Musikinstitutionen auch „von der anderen Seite“. Zugeständnisse an ein repertoireverwöhntes Abonnentenpublikum gibt es von seiner Seite sicher nicht, wenngleich man kaum Schwierigkeiten hat, seine recht eingängige Tonsprache aufzunehmen. Hier liegt aber auch eine Problematik der Musik Widmanns. Wenn sie nicht insistiert, bedrängt oder eine auszulotende Grenze erreicht, gerät sie auch schon mal ins weniger spannungsreiche Sinnieren. Im Falle von „Armonica“, 2007 in Salzburg uraufgeführt, erstaunte mich angesichts des großen Themas vom Erscheinen und Vergehen von Klängen die recht kleine Orchesterbesetzung, mit der Dirigent John Axelrod auch noch fordernder hätte umgehen müssen, um die Strukturen deutlicher zu zeichnen. Ein besseres Plädoyer für einen neuen Konzertsaal hätte es mit der Aufführung dieses Werkes nicht geben können: die beiden Solisten Christa Schönfeldinger, Glasharmonika und Teodoro Anzellotti, Akkordeon, gingen im Raumklang oft unter; viele Nuancen und Schichtungen in der harmonischen Ebene der Partitur konnten sich nur ansatzweise entfalten. Überdies war es schade, dass einer der beiden Solisten, Teodoro Anzellotti (Akkordeon), ein Interpret, der sich eklatant um die zeitgenössische Musik verdient hat, kaum sicht- und hörbar vor den 2. Violinen platziert war. Möglicherweise war dies aber von Widmann zur Verschmelzung der Klänge so gewollt, allein der Kulturpalastklang tat sein Übriges, dass von dem an sich sehr spannend konzipierten Werk, das sich im letzten Drittel durch verschiedene plötzliche Abbrüche und bedrohlich rotierende Flächen verdüsterte, nur ein akustisches Bruchstück übrig blieb. Widmann widmete sich dann dem Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, überzeugte hier mit konsequent durchgehaltener weicher Tongebung und einem niemals romantisch geprägten Zugang. Damit rückte Widmann das Konzert überraschenderweise nah an die oft verträumt-spielerische Welt der späten Klavierkonzerte, was passender erscheint als die Näherung an das Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts. Diese musikantische Unbekümmertheit setzte sich auch im frei schwingenden Orchesterspiel fort, wo aber Axelrod mit den Musikern einige Male in die Gefahr einer zu groben Darstellung geriet.
Die weiter beibehaltene, etwas derb-laute Grundhaltung im Orchester führte dann aber zu einer positiven Überraschung nach der Pause, denn dieses Klangbild passte ideal zu Robert Schumanns 2. Sinfonie C-Dur Opus 61. Axelrod motivierte die Philharmoniker zu einer packenden Interpretation, wo besonders die zahlreichen sauber intonierten Bläsersätze überzeugten. Etwas verschleppt war die Motorik in der Streichergruppe im 2. Satz, dafür gelang das Adagio sehr intensiv und vor allem in den Ablösungen der Akkorde weich und empfunden. Im Finale stürmte John Axelrod vorwärts und differenzierte dennoch die zahlreichen Verästelungen dieser gar nicht gefälligen Sinfonie, an der Schumann nach längerer Krise genas – am Ende gelingt der positive Kehraus glaubwürdig.

Veröffentlicht in Rezensionen

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