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Corazón y danza mit Haydn, Mozart und Schubert

Arabella Steinbacher und Juanjo Mena zu Gast bei der Philharmonie

Versuchen Sie doch einmal, ein spanisches Lied oder einen Song zu finden, in dem nicht das Wort „corazón“ erscheint. Was im deutschen nur unzureichend mit „Herz“ übersetzt wird, umfasst für den Spanier eine ganze Emotionswelt, da liegen Geschichten, Schicksale und manche große Träne dicht beieinander. Zwar war das Programm des Konzerts der Dresdner Philharmonie am Sonnabend im Kulturpalast ganz und gar unspanisch, doch der Dirigent Juanjo Mena (51), Chefdirigent des BBC Philharmonic Orchestra und schon mehrfach bei den Dresdner Philharmonikern zu Gast, gab so viel Herz und Seele in die Musik, dass man von einem erfüllten, außergewöhnlichen Abend sprechen muss. Stimmig war das Programm gestaltet, das mit Haydn und Mozart startete und nach der Pause Schubert nahezu darauf antworten ließ. Keinesfalls aber hatte man es sich mit den bekannten Werken leicht gemacht. Schon in der Sinfonie Nr. 44 e-Moll von Joseph Haydn kam es sehr darauf an, den besonderen Ton des Stücks im leicht – aber eben nur leicht! – schwermütigen Moll zu finden. Titulierungen lenken in der Wiener Klassik oft auf falsche Fährten: mit einer „Trauer-Sinfonie“ hatte Juanjo Menas ausgewogene und im 3. Satz geradezu beseelte Gestaltung wenig am Hut. Bei allem Schönklang bekam das Finale sogar ein Quentchen Extremismus, und genau diese Schippe benötigt die Musik von Haydn neben dem von Bläsern und Streichern wunderbar umgesetzten, prägnant artikulierendem Spiel, um die im Stück versteckten Edelsteine zu entdecken.

Geradezu modern wirkte im Nebeneinander dann das nur wenige Jahre später in Salzburg entstandene Violinkonzert D-Dur KV 218 von Wolfgang Amadé Mozart, in gewisser Weise ein Brückenwerk zwischen den „Concertanten“ der frühen Wiener Klassik und dem klassisch-romantischen Solistenkonzert, dem Mozart hier bereits die Regeln abspricht, bevor sie überhaupt geschrieben werden. Die Münchnerin Arabella Steinbacher überraschte mit einer sehr persönlichen, keinesfalls gefälligen Interpretation. Ganz frei von Widersprüchen war ihr etwas im Tempo davonpreschender Ansatz im 1. Satz allerdings auch nicht. Steinbacher legt ein Höchstmaß an Gestaltung vor, wobei ihre technische Überlegenheit ihr an wenigen Stellen einen Strich durch die Rechnung machte. Im 1. Satz war es die Intonation, die leicht abgedunkelt knapp unter dem Orchester verblieb, und manchmal fehlte eben der ruhige Atem eines Selbstzuhörens und Staunens anstelle der ausgestellten Brillanz der perfekten Geste. Viel schöner war da der schlichte zweite Satz, bei dem Steinbacher, nun viel entspannter, zu singen begann und auch die Kontrastfarben im Rondeau wirkten leicht, fast schwerelos. Kurz kneifen musste man sich bei ihrer Zugabe – da traf sie doch diesen tollen, schwingenden Prokofieff-Ton gleich in den ersten Takten seiner Solo-Sonate derart, dass man sich eigentlich das gesamte Stück herbeiwünschte, und noch ein Recital dazu. Mozart kam einem da im Vergleich ganz schön tricky vor, bei dem Russen war Steinbacher spürbar selbstbewusster „zu Hause“. Souverän hatten die Philharmoniker der Solistin im Konzert mit sensibler Begleitung den Boden bereitet, nach der Pause durfte das Orchester alleine glänzen.

Franz Schuberts letzte vollendete Sinfonie heißt nicht umsonst die „Große“, und hier entbehren sich Diskussionen über den Titel: Schubert nannte sie Große und sie bleibt es bis zum heutigen Tage in Dimension und Tiefe, unbestritten. Zum corazón gesellte sich hier bei Juanjo Mena noch der Tanz, und dies war eine spannende Ebene, die Mena auf ganz natürliche Weise hier in den Noten offenlegte – noch nicht im 1. Satz, der als große Exposition fungierte und schon eine Finalwirkung angelegt bekam. Doch im Andante betonte Mena deutlich das „con moto“ und hatte in der ganzen Sinfonie viel Wert auf überdeutliche Artikualation gelegt. Auf diese Weise bekam der Rhythmus Gewicht im Stück, und in Verbindung mit dem leichten Pulsieren, das Mena von vorne vermittelte, entstand eine ungeheure Spannung, die keine deutsche, lebensbedrohlich-schwere Dramatik erzeugte, sondern über das Scherzo hinweg ins Allegro Vivace tänzelte, ohne Schubert damit zu entwerten. Vor allem die Bläser trugen dieses Konzept vertrauend und führend, tolle Momente im Trio und im Finale ließen die in zu langsamen Tempi oft schwerfällige Kontrapunktik Schuberts völlig logisch erscheinen. Diesen Knoten muss ein Dirigent in diesem oftmals unterschätzten Werk erst lösen – Mena war dies mit viel Herz und Temperament, aber vor allem auch mit einer satten Energieleistung gelungen.

 

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