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Bach zuhören

Der belgische Dirigent Philippe Herreweghe, Doyen der Alten Musik sowie Gründer und Leiter des „Collegium Vocale Gent“ wird bei der Sächsischen Staatskapelle zum bevorstehenden 6. Symphoniekonzert am Dresdner Gedenktag debütieren, eines der drei Konzerte wird in der Frauenkirche stattfinden. Auf dem Programm steht die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, die in einer frühen Fassung aus dem Jahr 1725 erklingt. Darüber sowie über weitere Fragen der Aufführungspraxis unterhielt sich Alexander Keuk mit dem Dirigenten.

Wie oft, schätzen Sie, haben Sie die Johannes-Passion von Bach bereits aufgeführt?

Ich denke etwa 120-mal. Ich habe die Passionen ja schon als Kind mitgesungen, dann später auch in meinem eigenen Ensemble unter Nikolaus Harnoncourt mitgesungen, und die Johannes- Passion ist ein zentrales Werk in meinem Leben.

Sie haben eine immense, unvergleichliche Erfahrung in der Musizierpraxis mit Bachs Werken. Was hat sich aus Ihrer Sicht da im Laufe der Jahre verändert, welche Fragen gibt Ihnen Bach noch auf?

Wenn ich mit meinen Ensembles arbeite, denke ich, dass wir über die Jahre einen guten gemeinsamen Stil gefunden haben. Unser Anfangspunkt war die Authentizitätsbewegung der 70-er Jahre: Unser Musizieren mit dem Collegium Vocale Gent in authentischer Besetzung mit Originalinstrumenten war damals sehr neu und wir waren sehr überzeugt davon. Es war auch umstritten und man wetteiferte um die richtige Art. Heute hat man die richtigen Instrumente, da kann man wirklich sagen, es liegt vieles sehr nahe an der damaligen Praxis.

Sie haben ihr Repertoire in den letzten Jahrzehnten über Bach hinaus enorm erweitert…

Mittlerweile mache ich nur noch etwa 20 % Alte Musik. Ich dirigiere viel mehr sinfonische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, und vornehmlich auch Konzertmusik. Bachs Kantaten und Passionen sind religiöse Musik, auch eine Bruckner-Sinfonie ist für mich religiös. Aber nur letztere passt in einen heutigen Konzertsaal. Bachs Vokalmusik gehört idealiter in eine Kirche. In Rotterdam gibt es noch eine Kirche mit einem Barockchor und Barockorchester, dort werden die Kantaten und Passionen wirklich im Gottesdienst an dem Tag im Kirchenjahr gespielt, für den das Werk komponiert wurde. Wenn ich im Gegensatz dazu eine Johannes-Passion etwa in Paris im Théâtre des Champs-Élysées dirigiere, mit einem nicht ganz so religiös vorgebildeten oder agnostischen Publikum, das womöglich die Kantaten, deren Aussage gar nicht versteht – und das Schlimmste ist, wenn die Zuhörer keinen Zugang zum Text erhalten! – dann wird es Kitsch. Heute ist Alte Musik oft eine Mode, vielleicht noch ein Surrogat von einem Kirchendienst, und es ist natürlich auch Kommerz. Deswegen führe ich heute die Vokalwerke von Bach gar nicht mehr so häufig auf.

Das klingt nach einer deutlichen Kulturkritik – hat sich die Welt in einer Art weitergedreht, dass heute kein Platz mehr für ein solches Engagement wie von Ihnen besteht?

Ich glaube, die kulturelle Atmosphäre der Beneluxländer – wo ich herkomme und lebe – ist heute ein bisschen anders als in den 70er Jahren. Damals gab es dort eine starke Suche nach Identität nach dem 2. Weltkrieg, und das passte mit dem Wiederentdecken von Alter Musik zusammen. Heute ist dieses Kulturmoment vorbei, finde ich, darum ist es in einem bestimmten Sinne viel schwerer Bach zu spielen, und es ist gleichzeitig viel mehr Mode geworden, wie mit dem Tourismus in den Kirchen etwa.

Nun kommen Sie aber nach Dresden, dirigieren Bach, und dann noch mit einem modernen Orchester!

Ich dirigiere gerne in Deutschland und führe hier regelmäßig Schumann und Brahms auf. Deutschland ist eine letzte Insel, wo eine sichere Kultur besteht. Ich habe etwa in Leipzig die Sinfonien von Schumann aufgeführt. Ich stehe dann an einem Pult, wo Schumann selbst seine Sinfonie dirigiert hat, und vielleicht sind in meinem Rücken, im Publikum, idealistisch gesprochen, viele Menschen, die auch diese Sinfonie einmal gespielt haben, das Wissen und die Musik weitergetragen haben. Meine Mutter hatte 5 Schwestern, die alle die Etüden von Chopin spielen konnten. Das gibt es heute kaum noch, das Publikum ist zumeist nicht mehr musikalisch aktiv. Wir sind heute vielleicht woanders angelangt. Schauen Sie sich Pianisten an, da geht es darum, wer sehr schnell spielen kann oder sehr virtuos – das mag dann vielleicht noch für Liszt passen. Bei Bach geht es um den Text, um die Aussage. Und ich glaube, das möchten die Menschen in Dresden auch verstehen.

Wie werden Sie in die erste Probe mit dem Dresdner Orchester gehen?

Ich arbeite viel mit dem Concertgebouworkest in Amsterdam – jetzt ist es natürlich spannend für mich, wie das Dresdner Orchester mit meinen Wünschen mitgehen wird. Ich arbeite natürlich textgerichtet, und es wird für die Musiker auch um die Textartikulation gehen. Ich habe großen Respekt vor dem Orchester. Die Sächsische Staatskapelle Dresden zählt zu den besten Orchestern der Welt. Ich bin sehr gespannt und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Orchester.

Welche Rolle spielt das moderne oder alte Instrumentarium in der Bach-Interpretation für Sie heute?

Einerseits finde ich, dass in der Musik von Bach alte Instrumente auf jeden Fall einen sehr guten Beitrag leisten können. Und bei Musik von Monteverdi etwa geht es gar nicht ohne alte Instrumente. Für Bach ist die Musik aber gut genug, dass es auch mit modernen Instrumenten geht. Es darf durchaus ein modernes Klangbild sein, aber die Instrumente müssen mit dem Text phrasieren, das ist wichtig.

Sie führen in Dresden eine besondere Fassung der Johannes-Passion auf, was hat es damit auf sich?

Ja, es gibt mehrere Fassungen, die späte ist die allseits geläufige. Wir werden eine frühere Fassung aus dem Jahr 1725 spielen, der Eröffnungs- und Schlußchor sind anders und es gibt zwei Arien darin, die Bach eigens in dieser frühen Fassung veröffentlichte. Im Grunde wird aber jeder die Johannes-Passion wiedererkennen, es ist anders als in der Matthäus-Passion, von der eine komplett andere Frühfassung existiert.

Was ist für Sie der zentrale Unterschied zwischen den beiden großen Bachschen Passionen?

Ich vergleiche das gern mit einem Bild. Die Matthäus-Passion ist ein Ölgemälde, und die Johannes-Passion ist eher wie eine Zeichnung – sie ist nackter, strenger und schlichter. Es ist ein unglaublicher Unterschied. Vielleicht macht die Matthäus-Passion mir als Dirigenten größere Freude, aber die Johannes-Passion ist direkter, existenzieller.

Wenn Sie Bach heute treffen würden, was würden Sie ihn fragen wollen?

Nichts. Ich würde ihm lieber zuhören, wenn er spielt oder dirigiert. Bach hat nicht viel über Musik geschrieben, er war kein Theoretiker. Seine Essenz liegt in der Musik selbst.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Philippe Herreweghe

  • im belgischen Gent geboren, Studium ebenda an Universität und Konservatorium
  • gründete 1970 das Collegium Vocale Gent, wirkte mit diesem Ensemble an der Aufnahme sämtlicher Bach-Kantaten mit Nicolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt mit
  • gründete weiterhin „La Chapelle Royale“, das Ensemble „Vocal Européen“ und das bis heute von ihm geleitete Orchestre des Champs-Élysées zur Realisierung des Repertoires von der Renaissance bis zur Romantik
  • regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Concertgebouworkest Amsterdam und dem Mahler Chamber Orchestra, mehr als hundert CD-Aufnahmen bei Phi, Harmonia Mundi, Virgin und Pentatone
  • Ausgezeichnet u. a. mit dem »Chevalier de la Légion d’Honneur« und der Bach-Medaille der Stadt Leipzig für seine außergewöhnlichen Verdienste als Bach-Interpret

Foto (c) Michiel Hendryckx

 

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Veröffentlicht in Interviews Rezensionen

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