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In Vorfreude auf Dresden

Interview mit dem künftigen Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie, Marek Janowski

Der Dirigent Marek Janowski (79) hat am Dienstag bei Oberbürgermeister Dirk Hilbert im Dresdner Rathaus seinen Vertrag unterzeichnet und steht damit ab der Saison 2019/2020 der Dresdner Philharmonie erneut als Chefdirigent vor, nachdem er diese Tätigkeit bereits in den Jahren 2001-2003 ausgeübt hatte. Alexander Keuk unterhielt sich mit Marek Janowski über Dresden, das Orchester und seine musikalischen Pläne.

Alexander Keuk:  Marek Janowski – als Sie, der Sie eigentlich nie wieder aus dem Graben heraus Oper dirigieren wollten, für den „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen 2016 angefragt wurden, sagten Sie, sie „seien schwach geworden“. Ihre letzte Chefposition in Berlin endete vor zwei Jahren. Nun sind Sie in Dresden, für Dresden erneut schwach geworden – würden Sie es auch so formulieren?

Marek Janowski: Als ich 2001 hier die Dresdner Philharmonie übernommen habe, war das mit dem auch schriftlich gegebenen Versprechen der Stadt verbunden, einen neuen Saal zu bauen. Ich kannte die Philharmonie damals noch nicht, nur die Staatskapelle. Dann war ich zwei Jahre da und habe entdeckt, welch großes Potenzial in diesem Orchester steckt. Wir haben uns, wie ich mich erinnere, ganz gut verstanden. Dann kam aber kein neuer Saal und für mich war klar, dass ich nicht einfach weitermachen würde. Ich habe dem Orchester auch gesagt, ich dirigiere nicht mehr im alten Kulturpalast und ging damals davon aus, dass es nie – nie – einen neuen Saal geben würde. Ich habe den Kontakt zu den Musikern aber immer gehalten, insbesondere zum Philharmonischen Kammerorchester, und habe auch – an anderer Spielstätte – diese Formation als Gast dirigiert. Und dann zeichnete sich plötzlich ab, dass hier doch etwas passiert. Als ich in Berlin aufhörte, mit 77 Jahren und mit dem in diesem Alter ja schon mit Vorsicht zu genießenden Wort „Lebensplanung“ im Hinterkopf, hatte ich mir überlegt, dass ich eigentlich musikalisch auch so gut vernetzt bin, dass ich keine Chefstelle mehr übernehmen wollte. Dann habe ich mir aber hier in der Bauphase einmal alles angeschaut und habe versprochen: wenn der Saal fertig ist, komme ich gern für ein, zwei Programme pro Saison als Gast wieder. Kurz vor der Eröffnung konnte ich mir den Saal schon einmal ansehen. Für mein vielleicht etwas konservatives architektonisches Bauempfinden hat mir das sehr gut gefallen. Dann habe ich kurz nach der Eröffnung zwei Konzerte dirigiert und bin noch mit Gustav Mahlers 6. Sinfonie für einen Kollegen eingesprungen. Und samt erlebter Proben konnte ich damals bereits sagen, und ich sage das heute auch deutlich: der Saal im Kulturpalast ist großartig. Es ist wunderbar, dass die Philharmonie den Saal auch in den Proben nutzt und dafür nicht, wie in anderen Städten, für die Proben in irgendeinen Keller geht und erst zur Generalprobe in den Saal. Somit bedeutet der Saal eine Herausforderung qualitativer Art für das Orchester. – Es gab dann Gespräche und schließlich habe ich gesagt, gut, ich mache das hier – und dann musste das natürlich noch durch die städtischen Instanzen.

Sie äußern, die Akustik im Kulturpalast sei großartig, sie sprachen auch einmal von „balsamisch“  – für welches Repertoire denn eigentlich, und wie flexibel ist die Akustik?

Bei der Aufführung der 6. Sinfonie von Mahler, die in großen Partien ein sehr lautes Stück ist, habe ich festgestellt, dass der Saal solche Dezibelzahlen absorbieren kann. Was ich mit „balsamisch“ meine: Soweit ich das am Pult erlebe, ist der Saal sehr klangdefiniert, aber nicht wie z. B. in Hamburg direkt auf dem Seziertisch, sondern etwas „klangverpackt“, und das ist etwas, das nur ganz große, großartige Säle haben: z. B. der Concertgebouw Amsterdam, die Carnegie Hall New York, die Berliner Philharmonie oder auch die Boston Symphony Hall, und für die Orchester ist es auch eine Herausforderung für die Klangformung. Aber Sie sehen, mit welchen erstklassigen Sälen ich den Kulturpalastsaal in einem Atemzug nenne. Und er ist gottlob nicht so unsäglich groß!

Das neue Haus war ja sicher ein Lockvogel, aber sicher auch das Orchester. Sie kennen die Qualitäten der Orchester europaweit, ja weltweit. Was zieht sie zu den Dresdnern?

Ich habe hier schon früher festgestellt, dass ein besonderer Wille im Musizieren, im gemeinsamen Arbeiten vorhanden ist. Und ich übernehme das Orchester in einem sehr guten Zustand – Chapeau für Herrn Sanderling, dass er in der schweren Zeit mit Hilfssälen und ständigen Umzügen in der Stadt eine Basisqualität erhalten hat. Ich respektiere das sehr. Ich denke, wenn sich das Orchester – und viele Jüngere im Orchester kennen mich ja gar nicht von vor 18 Jahren – auf meine Arbeitsweise einlässt, können wir einen gewissen Ehrgeiz entwickeln, die Philharmonie auch über Dresden hinaus sehr gut aufzustellen. In Dresden können ja die beiden sehr guten Orchester problemlos nebeneinander bestehen.

Das stellt kein Problem der Konkurrenz für Sie dar?

Nein, überhaupt nicht. Die Staatskapelle Dresden hat ja eine überaus lange Geschichte, auch die Uraufführungsberühmtheit etwa durch Richard Strauss und große Dirigentenpersönlichkeiten strahlt stark aus.  Ich hoffe, dass ich die Energie habe, an der Balance zum Wohle der Philharmonie ein bisschen verbessernd arbeiten zu können.

Sie sind vor nunmehr 18 Jahren in Konsequenz gegangen, nun kommen Sie wieder. Die Welt hat sich weitergedreht, Dresden hat sich verändert. Mit einem städtischen Orchester nimmt man ja auch einen gesellschaftlichen Auftrag wahr. Stehen Sie dafür auch bereit, etwa für die Debatten- und Diskussionskultur in der Stadt?

Ich habe darüber gestern tatsächlich auch mit Herrn Hilbert gesprochen. Ich bin ein Mensch, der zu den Politikern und zu den Parteien geht und mit diesen über die Notwendigkeit bestimmter Dinge diskutiert und auch Gegenwind aushält. Wenn jemand, und es ist egal, wer das ist, in irgendeiner Weise fundamental entgegengesetzte Vorstellungen von Hochkultur hat, dann muss ich um meine Vorstellungen kämpfen und werde das auch tun.

Also pro Streitkultur?

Ja, aber es gibt auch eine Überzeugungskultur. Wenn Sie argumentativ unterfüttert mit jemandem reden, können Sie auch einen Politiker von etwas überzeugen, was er vorher nicht so gut fand.

Sie gehen mit dem Orchester auf dessen 150-jähriges Jubiläum zu, es steht ein Beethoven-Jahr 2020 an und das Orchester wird Bestandteil der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 sein. Werden Sie darauf in Ihren Programmen eingehen?

Wir sind da natürlich in der Vorbereitung und haben für unser Orchesterjubiläum schon einiges, auch sehr Originelles geplant. Auch Beethoven werden wir würdigen, aber es wird keinen Sinfonienzyklus im klassischen Sinne geben. Wir haben uns ein spannendes Konzept ausgedacht, das ziemlich unikathaft sein wird und gerade für Beethoven wirkliches Interesse fördern wird. Sicher haben Sie Verständnis, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ins Detail gehen kann.

Im Oktober werden wir Sie bereits im Kulturpalast erleben können, mit Berlioz, Strauss, Bruckner – und Haydn!

Ja, die „Sinfonia Domestica“ von Strauss ist eine wunderbare Tondichtung, die viel zu selten zu hören ist. Und Bruckners „Große Messe f-Moll“ ist eines der großartigsten Werke der Oratorienliteratur überhaupt. Die Verbindung mit Haydn dürfte sehr interessant sein, weil wir die Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit der Messe seiner doch etwas heiteren sinfonischen Stilistik gegenüberstellen. Und jedes Orchester verbessert sich, wenn es Haydn-Sinfonien spielt! Haydn ist der unerbittlichste Richter über klangliche Qualität. Da kann sich ein Orchester im Klang und in seinem Musikverständnis überhaupt nicht verstecken.

Welches Ziel wollen Sie in den drei Jahren erreichen, können Sie das formulieren? Oder wollen Sie erst einmal von Saison zu Saison arbeiten?

Besser letzteres. Ich habe im ersten halben Jahr der Saison 2019/2020 einige Konzerte mit vielen Repertoireausschlägen, und dann kann ich auch sicher aus meiner Erfahrung heraus sagen, in welche Richtung es mit dem Orchester geht. Aber wir starten erst einmal und darauf freue ich mich sehr!

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Foto (c) Felix Broede

Veröffentlicht in Features Rezensionen

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