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Zwei Orchester blühen auf

Musaik-Kinderorchester und die Dresdner Sinfoniker spielen gemeinsame Uraufführung

Ein wenig haben wir sie ja alle noch im Hinterkopf, diese bedrückenden Vorspieltermine am Klavier oder an der Geige, womöglich mit Punktevergabe und den klugen Sprüchen, wie das mit der Leistung auszusehen hat im späteren Musikbusiness. Dass Musik ein grundmenschliches Bedürfnis von Ausdruck und Bewegung, von Artikulation eigener Gefühle oder eine Kreation des überraschend Neuen sein kann, hatte man da fast vergessen. Gut, wenn es von vornherein mitbedacht wird und sogar gemeinsame Erlebnisse geschaffen werden, wie bei der Initiative „Musaik – Grenzenlos Musizieren“, die seit zwei Jahren kostenlosen Unterricht im Instrumental- und Orchesterspiel in Dresden-Prohlis anbietet, Kinder, Familien und Lebensräume im Quartier verbindet und seitdem kontinuierlich in der Gemeinschaft wächst.

Nach vielen Auftritten im Viertel haben sich die Prohliser nun mit den Dresdner Sinfonikern zusammengetan, um ein ambitioniertes Projekt auf die Beine zu stellen: eine gemeinsame Uraufführung aus der Feder des Komponisten und Jazzpianisten Andreas Gundlach! Tatsächlich ging das Ganze am Sonnabend höchst erfolgreich über die Bühne, und die war immerhin keine geringere als der große Saal im Festspielhaus Hellerau, wo sonst auch mal die Staatskapelle oder das MDR-Orchester spielt. Dass „die Großen“ vor der Uraufführung mit dem Musaik-Orchester einen reichlich langen und überdies steifen Konzertteil alleine spielten, der in keinem Zusammenhang mit dem neuen Stück stand, konnte man sich nicht recht erklären.

Zwar versuchte Gundlach mit seiner Moderation die Stücke von John Adams, Osvaldo Golijov und Aaron Jay Kernis dem Publikum schmackhaft zu machen, aber Dirigent Premil Petrović fehlte ein intensiverer Kontakt zum Orchester, so dass bei Golijovs „Last Round“ einiges danebenging, man bei Kernis‘ kompositionsschwacher „Musica Celestis“ nur Langeweile verspürte und nach der Pause eigentlich alle nur auf das große Finale warteten.

Schon seit März hat das Kinderorchester Musaik geprobt, der Komponist und Jazzpianist Andreas Gundlach kam vorbei und hörte sich an, was man alles im neuen Stück ausprobieren kann. In der wahrlich auch vom Wetter her heißen Endprobenphase wurde in der Kirche in Prohlis in der letzten Woche alles zusammengesetzt: „Fioritura“ heißt das neue Werk, ein Stück über die Blüte eines Blümeleins, das mit seinem Duft die ganze Welt verwandelt, nachdem es dramatische Stunden im Krankenwagen zu überstehen hat. Für das trötende Martinshorn und das musikalische Aufblühen der Blume sorgt natürlich das Musaik-Orchester und Gundlach gelang so etwas wie ein klingendes Kinderbuch, bei dem alle mitmachen konnten, selbst die, die erst vor einem halben Jahr überhaupt mit einem Instrument angefangen hatten.

Applaus für alle Beteiligten!

Die Musiklehrer und Musaik-Initiatoren mischten sich ins Orchester, und wenn die Noten zu kompliziert waren, gab Musiklehrerin Luise Börner zusätzlich zum Dirigenten Premil Petrovic noch einen armschwingenden Einsatz, den keiner übersehen konnte, während Deborah Oehler die Cellogruppe zum bassigen Fundament anspornte. Absichtsvolle „Störungen“ gab es von der Bläserklasse, die (welch Luxus!) mit eigenem Dirigenten für satte Sounds von sechs Querflöten, Tuba, Euphonium, Trompeten und Saxophonen sorgte. Die Sinfoniker selbst fügten harmonische Umspielungen und groovigen Background hinzu. Was da in der Hauptmelodie mit fünf Tönen ganz einfach und leicht klang, war im Gesamtklang dann richtig farbensprühend.

Gundlach selbst zog sich in der Aufführung an die Triangel zurück und konnte sich aber akustisch kaum mehr gegen die Musaik-Kinder durchsetzen, die auch mit gekonntem Luftballon-Schnirpsen manch angestrengte Neue-Musik-Auswüchse alt aussehen ließen. Dafür gab es einen Riesenapplaus des Publikums, bevor der Abend im Kulturgarten hinter dem Festspielhaus erleichtert über das Geschaffte und in jedem Fall beglückt ausklang.

Veröffentlicht in Rezensionen

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