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Beglückend.

Dresdner Philharmonie spielte wieder vor Publikum im Kulturpalast

„Endlich!“ – Selbst durch die Mund-Nasen-Bedeckungen hindurch, die auch im Kulturpalast bis zum Erreichen des Platzes Pflicht sind, konnte man beinahe dieses Wort ablesen, wenn nicht gar von den Augen der Konzertbesucher, die am Donnerstagabend ein wirklich besonderes Musikerlebnis im Kulturpalast Dresden erwartete. So weit wie möglich kehrte Normalität im Konzerthaus mitten in der Stadt ein, ein freundliches Kopfnicken schon im Foyer hinüber zu bekannten Gesichtern: das Publikum ist noch da, wenn auch vom Hygienekonzept her nur dezimiert zugelassen. 498 Zuhörer sind je Veranstaltung im Kulturpalast genehmigt, und die Anordnung wurde mit Hilfe des Saalpersonals und passender „Bitte-Freilassen“-Überzieher auf den Sitzen hergestellt. Ein wenig fühlte man sich wie in einer Seevogelkolonie – alle auf dem gleichen Fels, aber bis zum letzten „Nest“ oben neben der Orgel gut verteilt.

Das Programm wurde dem „Fokus Beethoven“-Schwerpunkt angelehnt, der ohnehin an diesem Tag hätte stattfinden sollen, doch statt der Beethoven-Sinfonie, die noch einen größeren Streicherapparat benötigt hätte, wählte Marek Janowski eine der späten „Londoner“ Sinfonien von Joseph Haydn aus, die Nummer 99 in Es-Dur. In vorgeschriebenen Abständen aufgestellt füllte das klassische Orchester aus insgesamt 44 Musikerinnen und Musikern die schon ins Parkett erweiterte Bühne damit aus – die nächsten Mahler- und Strauss-Aufführungen werden noch ein wenig auf sich warten lassen müssen. Zudem bekamen alle ein eigenes Pult, betraten ebenfalls mit Mundschutz die Bühne und Chefdirigent Marek Janowski begrüßte seinen Konzertmeister Ralf-Carsten Brömsel mit dem bekannten Ellenbogengruß.

Marek Janowski und die Dresdner Philharmonie.

Schon hier war im besonders herzlichen Applaus des Publikums und den frohen Gesichtern im Rund der Philharmoniker spürbar, dass hier nicht irgendein Event zum Wiederaufleben stattfand, sondern sich wieder die Familie der Dresdner Philharmonie mit ihrem Publikum zu ihrer geliebten Hauptbeschäftigung zusammenfand: Musikmachen und Musikerleben. Und besonders sei dem hoffentlich nicht existierenden Leser entgegengeschrieben, der meinen würde, es habe sich ja „nur“ um Haydn gehandelt. Dass Marek Janowski mit seiner immensen Erfahrung weiß, wie man den Londoner Sinfonien einen charaktervollen Spannungsbogen verleiht, wäre ja zu vermuten. Mehr noch: offenbar hat die Dresdner Philharmonie das Spiel „auf Abstand“, das sie ja bereits in den letzten Wochen für drei Radiokonzerte mit einem Haydn-Hindemith-Programm erprobt haben, als spannende Herausforderung begriffen.

Die Früchte wurden am Donnerstag geerntet und die hervorragende Akustik des Saales tat ihr übriges, so dass man erstaunt konstatieren muss: wieso ist auf diese Idee noch niemand eher gekommen? Denn die Durchhörbarkeit der Gruppen, die Sauberkeit und harmonische Balance in dieser Sinfonie war frappierend gut und fusste natürlich auf der absolut auf den Punkt gebrachten Konzentration im Spiel. Der 1. Satz gelang licht und freundlich, im zweiten schon konnte man eine fast Webersche Eleganz entdecken, das Menuett wies auf die Wurzeln der Wiener Klassik hin und war doch ganz Haydn. Schließlich blieb auch der 4. Satz trotz sehr lebendiger Tempoansage von Janowski in einer Leichtigkeit, die der Sinfonie auch in den vielen ausgewogen musizierten Bläsersätzen eine edle Haltung verlieh.

Das – übrigens in den Satzpausen mucksmäuschenstille – Auditorium zeigte sich begeistert und dankbar für die absolut brillante und detailreiche Aufführung. Dann traten die Gäste des Abends, das französisch Quatuor Ébène, auf die Bühne und widmeten sich dem G-Dur-Quartett von Ludwig van Beethoven – einen ähnlichen Abend hatte es ja schon mit Erfolg im Februar gegeben. Der „Ébène-Klang“ stellte sich auch hier von den ersten Takten an wieder ein, und von der Sinfonie wurde auf jeden Fall die Haltung der Abwesenheit von Schwere übernommen. Dieses Quartett bietet allerdings auch wenig Gelegenheit dazu, die Welt vom Sockel zu heben; eher versenkt sich Beethoven im Adagio und reißt dort nur im Allegro ganz kurz die Weltentür auf.

Das klingt bei den Ébènes überaus homogen und geschlossen, wie ein einziges, warmherziges Streichinstrument, das nur ab und an in der Kontur der Linien ein wenig schärfer hätte sein dürfen. Doch die feine Klangarbeit nahm bei dem Quartett von Satz zu Satz zu, so dass man im Finale das absolut stimmige Timing bewunderte, und mit der Saalakustik kamen die vier sowieso wunderbar zurecht. Am Ende hatte man trotz der zahlenmäßigen Dezimierung des Publikums stark das Gefühl, dass man einem sehr besonderen Abend beigewohnt hat, vielleicht, weil alle sich im Saal einig waren, wie unendlich wertvoll das gemeinsame Erschaffen dieses beglückenden Zustandes, mitten in der gerade für uns entstehenden Musik zu weilen, weiterhin und immer wieder ist.

Fotos (c) Björn Kadenbach

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Veröffentlicht in Rezensionen

Ein Kommentar

  1. Erstaunlich, dass die geringe Zahl an Zuhörern die Akustik nicht schlechter, sondern offenbar noch besser gemacht hat, zumindest hinsichtlich der Durchhörbarkeit. Ich war immer davon ausgegangen, dass die Akustik von vornherein auf volle Ränge ausgelegt wird. Schön, dass es auch so ein Hörgenuss war. Die Freude darüber kann ich gut nachvollziehen, ein echtes Konzert ist eben doch durch nichts zu überbieten.

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