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Herumliegende Musik

Herztöne – Porträt Salvatore Sciarrino bei der Dresdner Philharmonie

In der Saison 2020/2021 war der italienische Komponist Salvatore Sciarrino, eine der spannendsten Stimmen der Gegenwartsmusik seines Landes, Composer in Residence bei der Dresdner Philharmonie, seine Aufführungen konnten aber pandemiebedingt nicht realisiert werden. Das betraf auch die Uraufführung des Auftragswerks zum 150. Jubiläum der Dresdner Philharmonie, den neu geschaffenen Liederzyklus „Piogge diverse“ für Bariton und Orchester, der im Rahmen der Festwoche im letzten Jahr präsentiert werden sollte. Jetzt wurde Sciarrino zu Saisonbeginn ein Mini-Festival namens Herztöne geschaffen, das dem Publikum einen konzentrierten Zugang zu den Ideen seines Werks ermöglichte.

Drei Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Tagen fanden nun als nachgeholtes Tribut statt, und statt der Einbettung des neuen Werkes in das Orchesterjubiläum gelang nun ein intensives Porträt des Komponisten. Ein kleines, sehr aufmerksames Publikum fand sich am Mittwoch zum Abschlussabend dieser kleinen Reihe im Kulturpalast ein, bei der im neuen Werk die Philharmoniker in voller Besetzung antraten. Gekoppelt war die Uraufführung mit einem Schwesterwerk aus dem Jahr 1981, dem Liederzyklus „Vanitas“, den Sciarrino selbst als „Stilleben in einem Akt“ bezeichnet. Ebenso vielschichtig wie allein dieser Begriff, der von der Antike bis in die Neuzeit vielfältige Arten der Vergänglichkeit, der Leere oder des Verfalls nachzeichnet, ist Sciarrinos Musik, die sich herkömmlichen Erwartungshaltungen entzieht, aber imstande ist, innerhalb weniger Minuten einen eigenen musikalischen Kosmos zu kreieren, der sich zunächst mehr staunend betrachten läßt.

Das Verständnis oder die Deutung ist bei Sciarrino immer ein Angebot, es ist hoch anspruchsvoll und von Komponistenseite auch mit philosophisch-weltanschaulichen Elementen unterfüttert, daher ist Musik und Haltung bei Sciarrino nie zu trennen. Und obwohl Sciarrino in „Vanitas“ – in spannender Kammerbesetzung für tiefe Stimme, Cello und Klavier gesetzt – über die Textebene mächtige Symbole wie Rosen, Spiegel, Schatten und Echos einsetzt, gibt es beim Zuhören klare Ankerpunkte wie etwa das am Ende fallende Melisma der Singstimme, das sich immer wieder in der Vanitas, also quasi in einen Bereich hinter der Musik verliert. Diese neuen Räume der Musik scheinen bei Sciarrino immer wieder auf, etwa auch, wenn wie im ersten Lied tatsächlich ein komponierter Stillstand erreicht wird oder sich die Leere plötzlich in der Fülle von Arabesken im Klavier zeigt.

Hat man einmal die Poesie der Musik erreicht, wird es spannend, und auch ein wenig radikal, wenngleich herbeizitierte Schlager als Referenz überhaupt nicht im Vordergrund des Hörens erscheinen. Eher irritiert ein nachimpressionistischer Ausflug in bitonale Welten zur Textzeile des „Ächzens der unglückseligen Luft“. Fantastische Interpreten wirkten in beiden Werken auf der Bühne des Kulturpalastes mit: Noa Frenkel (Mezzosopran), Martina Schucan (Cello) und Florian Hoelscher (Klavier) zeigten sich versiert mit dieser Musik und fanden sofort den speziellen Spannungspunkt der Musik, von dem aus die scheinbar bruchstückartig hingeworfenen Noten zu leben beginnen.

Das änderte sich im neuen Werk „Piogge diverse“ (Regen verschiedener Art) nicht, wenngleich hier Sciarrinos Stift gespitzter wirkt. Unglaublich, wie sorgfältig und stimmschön der Bariton Michael Nagy sich hier für die Musik einsetzte, und der nun die Uraufführung leitende Emilio Pomàrico, ein absoluter Fachmann in der zeitgenössischen Musik, vermochte gerade die schwankenden Klangfarben im Orchester mit unermüdlich-klarer Gestik in eine Balance zu bringen. Immer wieder liegt hier Musik schlicht herum oder dreht sich ein, und wenn Sciarrino sich in seinem Regenstück als erstes dem Thema Staub und Dürre widmet, ist klar, dass die Wassertropfen vor allem Auslöser vieler fortführender Gedanken sind. Trotzdem hat auch dieser neue Liederzyklus etwas seltsam Verschlossenes, teilweise (im 4. Stück über Quecksilbertropfen nahezu umweltpolitisch geweitet) sogar Verzweifeltes, wirkt aber am Fasslichsten ausgerechnet in den eisernen Klängen der opernhaften Prometheus-Szene „Sonnenregen“ an zweiter Stelle. Sciarrino nagt musikalisch an der Welt, der Einsatz der Dresdner Philharmonie für diese außergewöhnliche Musik ist hoch zu werten.

Foto (c) Alexander Keuk

 


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