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Zwei Seelen in der Brust

Jörg Widmann als Komponist und Interpret beim Moritzburg Festival

Eine abwechslungsreiche Darbietung konnten die Zuhörer am Mittwochabend im Schloss Moritzburg erleben. Neben den „Klassikern“ der Kammermusik gönnt sich das Moritzburg Festival jedes Jahr einen Composer-in-Residence. Dieses Jahr sind es gleich mit Sofia Gubaidulina, Olli Mustonen und Jörg Widmann gleich drei. Allerdings sieht eine echte Residenz anders aus und wäre sicher auch mit Uraufführungen profilierter, dennoch ist die Werkauswahl sorgfältig und bildet auch immer spannende Korrespondenzen zur Musiktradition.

Jörg Widmann konnte aus beruflichen Gründen – er arbeitet derzeit an einem großen Opernwerk lediglich einen Tag dem Festival beiwohnen; dies erfuhr das Publikum im lockeren Gespräch der Komponistenbegegnung, die vor dem eigentlichen Konzert stattfand. Widmann war auch nicht zum ersten Mal in Moritzburg, kehrt aber gern zurück und ist sowohl als erstklassiger Klarinettist und Komponist eine Bereicherung für die Konzerte. Da war es keine große Anstrengung, schlusszufolgern, welchem gemeinsamen Sternzeichen Olli Mustonen (ebenfalls Komponist und Interpret) und Widmann angehören: zwei Seelen wohnen in der Brust des Zwillings und diese leben sie genüßlich aus, das zeigte Widmann auch in Einblicken in seine Kompositionswerkstatt.

Nachdem Widmann im Porträt seine eigene, sowohl poetische als auch dramatisch aufwallende Fantasie für Klarinette vorgestellt hatte, widmete er sich im Konzert zunächst den bekannten „Fantasiestücken“, Opus 73 von Robert Schumann. Widmann und Mustonen verstanden sich gemäß der schon im Gespräch gemachten Ankündigung auch durchaus prächtig, allerdings hatte Mustonen einige Probleme, die stetig rollenden Wellen des Stückes so klar und weich zu gestalten, wie Widmann es souverän auf der Klarinette beherrschte, insofern befriedigte diese Interpretation in dieser etwas eckig hervorgebrachten Romantik nicht.

Rodion Shchedrins „Three Shepherds“ standen etwas einsam in der Mitte des ersten Teils, und die Qualität der Komposition vermochte trotz netter Raumwirkung mit zu- und auseinanderstrebenden Musikern nicht zu überzeugen. Sabine Kittel (Flöte), Sole Mustonen (Oboe) und Harri Mäki (Klarinette) zeigten sich jedoch sehr engagiert für das Werk, das in der Langatmigkeit mit kaum entfaltetem Material gewöhnungsbedürftig schien. Widmanns eigene Komposition „Fieberphantasie“ für Klavier, Streichquartett und Klarinette war da, obgleich in radikal harter, moderner Klangsprache gesetzt, viel zugänglicher, da sie an keiner Stelle emotionalen Zugang und impulsiven Fortgang verneinte. Das zeichneten auch die Interpreten – nun wieder mit Widmann selbst an den Klarinetten – in faszinierender, mit äußerstem Willen zupackenden Weise nach. Schumann erschien hier nur noch als kurzer Schatten, in rhythmischem Bohren eingepfercht.

Nach über einer Stunde Parforceritt im ersten Teil hatten sich die Zuhörer im zweiten Teil „ihren“ Dvořák verdient: Das Streichquintett G-Dur führte Arnaud Sussmann mit feiner Gestaltung als Primarius an; Kai Vogler, Lise Berthaud, Jan Vogler und Janne Saksala bildeten das Ensemble, das mit guter dynamischer Balancierung und spielerischem „Zuwurf“ der Themen untereinander aufwartete. Und für solcherlei Höchstspannung in einem Konzert dankte das Publikum derart dankbar, dass zu vorgerückter Stunde die Zugabe natürlich unausweichlich war.

Published in Rezensionen

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