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Leidenschaftlich

Antrittskonzert von GMD Fabio Luisi bei der Sächsischen Staatskapelle

Der Beginn einer neuen Ära ist unverkennbar: allein die Präsenz des neuen Generalmusikdirektors Fabio Luisi im Semperbau an seinen ersten Amtstagen macht das deutlich. Im Orchestergraben dirigierte er gleich zwei Salome-Aufführungen, es folgte ein Antrittskonzert und das 1. Sinfoniekonzert, und schon Mitte September geht das Orchester mit Luisi auf eine Europa-Tournee. Die ersten Konzertprogramme mit der Sächsischen Staatskapelle haben es auch programmatisch in sich und die Handschrift Luisis läßt gehörig aufhorchen. Nicht mit gängigem Repertoire begrüßte Fabio Luisi das vor allem prominente Publikum im Antrittskonzert am Sonntag, sondern gleich zu Beginn des Konzertes war eine Uraufführung platziert. Vom „Capell-Compositeur“ Isabel Mundry werden in dieser Saison gleich mehrere neue Werke zu hören sein, ihr für die Sächsische Staatskapelle entstandenes Orchesterwerk „Balancen“ war aber keinesfalls eine Eröffnungsmusik „mit Pauken und Trompeten“. Das Gegenteil war der Fall, und es bedurfte bei Zuhörern wie Interpreten einiger Konzentration, um diese fein ausgehörte Musik zu erschließen. Die von Mundry in dem Stück eingearbeiteten Zeitschwankungen kamen durch die Aufteilung des Orchesters in drei Gruppen gut zum Tragen. Mundrys musikalische Sprache ist modern, aber durchaus facettenreich. Dass man aufgrund der räumlich wechselnden aber oft ähnlichen, repetitiven Klangereignisse sich nach einigen Minuten fadensuchend im Dickicht des Orchestersatzes verlor, gehört zur Absicht der Komposition und hat seinen Bezug in der literarischen Vorlage zum Werk. Poetischen Glanz verströmte der kurze Schlussabschnitt, der melodisches Vortasten ausprobierte – insgesamt ein sehr vorsichtig suchendes Werk, dessen Bezüge durch Fabio Luisis klar organisiertes Dirigat sehr deutlich wurden, das aber die Stärken und Möglichkeiten des Orchesters kaum ausreizte. Der zweite Programmpunkt im Konzert wäre ebenfalls poetisch zu nennen, dies aber auf einer ganz anderen klanglichen Ebene: der Musiksprache von Alban Berg. Dessen „Sieben frühe Lieder“ schwanken zwischen Spätromantik und in vielen Details bereits antizipierter Moderne, ausgeklügelt ist die Instrumentation und der melodische Verlauf zwischen Singstimme und Orchester. Die Sopranistin Anja Harteros fand eine atemberaubend schöne Darstellung der Lieder zwischen träumerischem, fast distanziertem Duktus und herausbrechender Leidenschaft („Die Nachtigall“). Ihr samtenes Timbre und die voluminöse und doch warm strahlende Höhe machten diese Interpretation zu einem Erlebnis, zumal Luisi mit der Kapelle die notwendige Flexibilität des Tempos kongenial mit der Solistin umsetzte – so erreichten die Musiker eine brüchige, märchenhafte Atmosphäre. Natürlich sind die Erwartungen an den neuen GMD hoch und viele Aufgaben und Ideen benötigen Zeit der Entwicklung. Doch die Aufführung der Tondichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss zeigte bereits einen wunderbaren Stand der Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester, ist doch dieses Werk bereits im Mai auf CD eingespielt worden. Ein Markenzeichen des Dirigenten scheint der maßvolle Ausgleich zwischen impulsivem, leidenschaftlichen Musizieren und dem kontrollierten Ausformen des spezifischen Orchesterklanges zu sein. Kaum ein Werk scheint für diese Art des Zuganges besser geeignet als das von Richard Strauss. Opulent strahlend und klar gezeichnet stellte Luisi die Themenkomplexe vor, bevor er in der Durchführung den Kampf des Helden nahezu körperlich mitvollzog und sich das Orchester mit konsequenter, vorwärtstreibender Dynamik- und Tempoführung des Generalmusikdirektors von Höhepunkt zu Höhepunkt arbeitete. Innig und mit besonders deutlicher Charakterzeichnung trug das Violinsolo von Matthias Wollong zum schlüssigen Gesamtbild des Werkes bei. Die Entscheidung für den sanften Originalschluss, der ungedruckt in der Handschrift von Strauss vorliegt, aber kaum je musiziert wird, mag ebenfalls ein Zeichen sein, dass mit der Ära Luisi neue Klanghorizonte eröffnet werden, die Werke in neuem Licht erscheinen lassen und die Auseinandersetzung mit Altem wie Neuem fördern werden.

[Das Konzert wird heute bei MDR Figaro (Stream möglich) um 20 Uhr gesendet]

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