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Stromerzeuger und Postkartenidylle

1. Sinfoniekonzert der Staatskapelle mit GMD Fabio Luisi

Ein frischer, neuer Wind weht durch den Semperbau, und nach dem 1. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle darf man mit Fug und Recht behaupten: dieser Wind weht von vorne. Denn der neue Generalmusikdirektor bot für sein erstes reguläres Konzert der neuen Saison für zwei Werke eine Riesenbesetzung auf, die trotz der großen Eigenstärke der Kapelle nur mit Aushilfen geleistet werden konnte. Allzuoft werden allerdings Werke mit 16 Schlagzeugern nicht aufgeführt und in diesem Fall war es sogar eine Dresdner Erstaufführung. Eine überfällige allzumal, denn „Arcana“ von Edgar Varèse wurde bereits 1927 uraufgeführt. Für manchen im Publikum dürfte das Erlebnis dieses Werkes einer Schocktherapie gleichgekommen sein: wer Wohlklang und Entspannung erwartet hatte, wurde herb enttäuscht, aber zugleich auch in einen rhythmischen Sog gezogen, der eine ganz eigene Faszination entwickelte. Erstaunlich war die Leistung des Orchesters – die Musiker hatten ja gleich zwei verschiedene Konzertprogramme vorzubereiten und dieses Werk erfordert nicht nur höchste Konzentration, sondern auch absolut rhythmische Präzision und ein ständiges Anschwellen in extreme Klangballungen. Dennoch schaffte es Luisi mit übersichtlichem Dirigat, die einzelnen Schichten freizulegen, „Arcana“ wirkte wie ein großer Stromerzeuger, dessen wenige leisen Abschnitte die nächsten Eruptionen bereits in der Spannung vorausnahmen. Wäre dieses Werk alleine mit Strauss‘ „Alpensinfonie“ gekoppelt gewesen, hätte man Luisi gar philosophische Absichten unterstellen mögen: hier die zerklüftete, unbeschreibbare und quasi unmenschliche Mondlandschaft, dort das bayrische Postkartenidyll, dreizehn Jahre früher mitten in den 1. Weltkrieg hineinkomponiert. Doch in das Programm war gleichsam eine lyrische Insel eingewoben: Beethovens 4. Klavierkonzert mit der nach mehreren musikalischen Begegnungen nahezu in Dresden heimisch gewordenen Ausnahme-Pianistin Hélène Grimaud als Solistin. Gleich vorneweg: was sie an musikalischer Ausdruckskraft, Intellektualität und Sinnlichkeit in das Werk einfließen ließ, ist grandios. Im 1. Satz war ich zunächst irritiert, da Grimaud die disparate Anlage des Kopfsatzes durchaus auch eigensinnig interprierte, nämlich mit ungewohnt weicher und romantischer Emphase, die selbst das Hauptthema erfasste. Erst im Zusammenhang mit den anderen beiden Sätzen wurde völlig klar, dass Grimaud ein Gesamtkonzept zelebrierte, das den 1. Satz nunmehr als ein ausgeklügeltes Gedankenspiel, als Diskurs begriff, den 2. Satz als hundertprozentig emotionale Gegenwelt und den 3. Satz als vital-drängende Deutung von Lebensbejahung. Wenn eine Pianistin dem Zuhörer mittels variablem Anschlag, kluger Formgestaltung und vollauf atmender Phrasierung zu einem solchen tragenden und überzeugenden Gesamtergebnis fähig ist, nennt man das schlichtweg genial und ist dankbar dafür. Fabio Luisi folgte dieser Interpretation mit der Kapelle gut, mit enorm drängendem Ausdruck im 3. Satz und leichten Unsicherheiten in der Einleitung des Kopfsatzes, da war aber wohl noch die Varèse-Klangwolke zu präsent. Nach der Pause ging es in die Berge, und hier zeigte sich vor allem eine interessante Interpretation dieses vor allem in Dresden hinlänglich rezipierten Werkes: Luisi dürfte wohl eine der schnellsten Alpenübergänge geschafft haben, das deutete sich bereits beim flinken Sonnenaufgang an, setzte sich im gar nicht pathetischen Gipfelpanorama fort und auch der Schluss war kaum zu breit ausmusiziert. Eine Wertung dieser Darstellung scheint müßig, denn denkt man an gediegenere Aufführungen zurück, so erscheint einem das Werk so auch nicht gerade sinnfälliger, allerhöchstens zünftiger. So bleibt der Eindruck eines opulenten, virtuos instrumentierten Farbengemäldes, mit kaum ins Gewicht fallenden, dem Temperament geschuldeten Abstrichen in der Interpretation. Gerade Steigerungen und Tempoverschärfungen waren Luisis Stärke in den Aufführung, motivierend und mit auf den Punkt sitzenden Gesten formte er Attacken und breit strömenden Klang. Die Kapelle befand sich thematisch in diesem zweieinhalbstündigen Konzert wirklich auf einem „Klanggipfel“ – man darf gespannt sein, wohin die Reise nun geht.

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Veröffentlicht in Rezensionen

4 Kommentare

  1. Dirigenten Ich habe früher manchmal gehört, dass Dirigenten weit überzahlt sind. Besonders laut war das in der Karajan-Ära.
    Aber aus diesem und bereits vergangenen Einträgen kann ich herauslesen, wie stark der Eindruck eines neuen Dirigenten auf ein Orchester sein kann.
    Nicht, dass ich das nicht schon wüßte. Ein entfernter Verwandter ist Dirigent und hat es schon ein bisschen auf dem Weg nach oben geschafft.
    Auch als ich einmal den Schubert-Bund auf dem Klavier begleitete, konnte ich den Unterschied merken, der zwischen mit und ohne Chorleiter besteht. (Der hatte sich nämlich etwas verspätet.)
    Umgekehrt habe ich schon von Orchestermitgliedern gehört, wie „unwichtig“ ihnen „der da vorne“ wäre.
    Es ist schön zu erfahren, wie sich eine neue Handschrift in einem bereits bewährten Kulturbetrieb auswirkt.
    Ich wünsche Luisi sowieso viel Erfolg. Ich mag ihn.
    Den Dresdnern ist der Erfolg ebenso zu können.

    • Ich bin da auch sehr gespannt – auf jeden Fall war der Auftakt ein ziemlicher Paukenschlag und dürfte einigermaßen irritiert haben, in positiver Weise.

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