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Kalender mit Klängen

„Modus Vivendi“ – Orgelforum in Blasewitz

Zeitgenössische Musik zu vermitteln, dieser Aufgabe stellt sich die Sächsische Gesellschaft für Neue Musik seit Jahren. In diesem Jahr gilt das Hauptaugenmerk der neuen Orgelmusik – für das Instrument werden immer wieder Kompositionen zumeist mit sakralem Hintergrund geschrieben, seltener erlebt man heutzutage weltliche Konzertstücke für die Orgel. Im „Modus Vivendi“-Konzert in der Heilig-Geist-Kirche in Dresden-Blasewitz wurden zum 2. Advent Stücke ausgewählt, die sich mit der Betrachtung Gottes beschäftigten. In Jörg Herchets OEuvre ist diese Beschäftigung gleichsam ein roter Faden – seine Marienkantaten und der Orgelzyklus „NAMEN GOTTES“ entstehen seit Jahren in vielfältiger Ausprägung einer Glaubenshaltung. Das Konzert wurde von den Stücken 13 und 14 aus dem Zykus umrahmt, während das Eingangsstück eine klares Ineinanderweben und Gegenübertreten verschiedener Klangmodelle zeigte und damit in gut abgestufter Registrierung fast tröstlichen Ausdruck erhielt, bestand Nr. 14 aus deutlich voneinander abgesetzten Passagen, die individuell und kaum aufeinander bezogen wirkten. Man wurde fast an eine Art Adventskalender erinnert, in welchem hinter jeder Tür neue Klänge, neue Inspirationen warten, somit ging hier auf eine unbestimmte Entdeckungsreise. Leider war das gesamte Konzert von einer nicht ausreichend beheizten Kirche betroffen, daher fiel die ungetrübte Konzentration auf die neuen Werke schwer. Außerdem wäre den Konzerten im nächsten Jahrgang eine größere Zuhörerschaft zu wünschen. Die Art der Vermittlung der Werke ist zu überdenken, zwar war der in der Mitte platzierte Vortrag von Lydia Weißgerber sicherlich kompetent, doch das Gespräch mit dem Freiburger Komponisten Peter Förtig waberte lediglich um bekannte, eigentlich nicht bestehende Probleme in der Vermittlung Neuer Musik herum. Neue Musik sollte selbstverständlich sein, dem alten Klagelied des Ignorierens und Nichtverstehens kann man sowohl als Veranstalter als auch als Komponist durchaus widersprechen. Förtigs eigenes Werk „L’Ange de la Nativité“ schließlich konnte kaum die vorher gegebene Einführung einlösen, weder hörte man den angekündigten „Engelssturz“, noch erschlossen sich polyphone Linien des Werkes. Unvermittelt standen verschiedene traditionelle Techniken und ein undurchsichtiges Material nebeneinander – die Dramaturgie des Stückes überzeugte indes nicht. Als Kontrast spielte Reimund Böhmig-Weißgerber an der Eule-Orgel außerdem eine Partita von Samuel Scheidt, diese sollte den Horizont zur neuen Musik erweitern. Als typisch frühbarocke cantus-firmus-Variation war allerdings dieses „schulmäßige“ Stück kaum dazu geeignet, die neuen Werke in anderem Licht erscheinen zu lassen. Gerade die vielfarbigen Stücke von Jörg Herchet hätten eines deutlichen Werkkontrastes bedurft, um das Konzert insgesamt nicht zu trocken wirken zu lassen. Lebendiger und vor allem wärmer darf es demnächst durchaus sein.

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