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Am Nerv der Zeit?

Uraufführung der „Buddha Passion“ von Tan Dun bei den Dresdner Musikfestspielen

Wenn das einer Uraufführung beiwohnende Publikum Sekunden nach dem letzten Ton nahezu geschlossen aufspringt und Ovationen darbietet, fand es sich vermutlich bestens unterhalten, eventuell auch tief bewegt oder schlicht in seinem musikalischen Anspruch an einen solchen Abend bestätigt. Vielleicht aber auch traf der Komponist einen Nerv der Zeit oder er konnte schlicht mit dem Effekt derart jonglieren, dass da schon wieder der Henne-Ei-Konflikt dräut: haben wir wirklich Neues gehört? Oder waren wir geblendet von den schillernden Orchesterfarben, die der Chinese Tan Dun in seinem neuen Werk „Buddha Passion“ zweifelsohne aufzufahren weiß?

Aus diesem Konflikt herauszutreten scheint eine schwierige Aufgabe, weil der Schöpfer des Werks, der 60-jährige chinesische, in den USA lebende Komponist Tan Dun, schon im Titel selbst eigentlich unlösbare Widersprüche formuliert. Die Anlehnung an christliche musikalische Passionswerke ist evident, die Übertragung in den Buddhismus muss misslingen, aber genau das ist erst einmal der Ansatz, an dem Tan Dun kompositorisch nachzudenken beginnt. Sein Opern-Oratorium – was in Dresden konzertant dargeboten wurde, ist unbedingt auch von dem Werk innewohnender szenischer Kraft! – scheut sich nicht, Zeiten, Kulturen, Religionen, (Musik-) Traditionen, gar Gesellschaften miteinander zu verbinden. Der Komponist ist damit ein perfekter Botschafter des heutigen Zeitnervs und er stammt aus einem Land, in dem Gegenwart und Zukunft der Welt, aber auch sehr weit reichende Historie, Mystik und Kult uns präsenter erscheinen denn je.

Tan Duns „Buddha-Passion“ im Kulturpalast Dresden

Die zeitgenössische Kunstmusik Chinas gibt sich so netzwerkend weltoffen wie oftmals traditionell verhaftet – Tan Dun macht da keine Ausnahme und so findet man sich im Kulturpalast selbstverständlich vor einem fremdartigen Werk wieder, das alles zu vereinen versucht und doch an Identität, an einer eigenen, originär oder intensiv wirkenden Handschrift vor allem da mangelt, wo Tan Dun Musiksprachen zum Effekt einsetzt, die man sofort beim Hören in andere Werke, Filme und Opern verortet. So kommt Puccini (und da eben leider als auch harmonisch belegbares Kitsch-Idiom) ebenso zum Vorschein wie Orffsche Archaik oder chinesische „konforme“ Musik, die man eigentlich überwunden glaubte, die aber schwer von einer auch heute noch populären Folklore trennbar ist. Heraus kommt ein durchaus unterhaltsames Werk, das zum Ende seiner über zwei Stunden Dauer zwar einige Längen aufweist, aber nicht zu missionieren versucht.

Sechs kurze Geschichten weisen auf die Grundtugenden des (Zen-)Buddhismus, auf Verantwortung des Individuums, Meditation und Erleuchtung hin – und so spirituell-fremdartig manchem das erscheinen mag, wenn es um ein Thema wie Barmherzigkeit oder Demut geht, berührt uns dies ebenso, und Universalität scheint auf. Unbedingt zu respektieren ist natürlich Tan Duns individueller Ansatz, der manchmal pathetisch überhöht, manchmal aber auch von beeindruckender Drastik ist: seine musikalische Sprache kann eben (fast) alles, nur in der Zurückhaltung ausgerechnet läge ein wichtiges Potenzial, das er viel zu wenig nutzt. Denn die opernhafte Ausbreitung der Zen-Geschichten verwirrt mehr, als dass man ihr auch in der gebotenen inneren Stille zuhören dürfte: da tönt und lärmt viel zu viel, was eigentlich empfunden werden will. Vielleicht ist es aber auch der Lärm der Welt, den Tan Dun als Komponist auf natürliche Weise reflektiert: da rotieren die Klangschalen und blubbert der Wassergong, Handglocken und fernöstliche Trommeln mischen sich in den herausragend engagierten Ton der Münchner Philharmoniker, die der Komponist selbst leitet – nicht immer mit technischem Erfolg, aber mit freundlicher Hingabe.

Klingeling! Die Internationale Chor-Akademie Lübeck (Einstudierung Rolf Beck)

Überragend agiert die von Rolf Beck einstudierte Lübecker Chorakademie auf Chinesisch, im Sanskrit, schlagzeugend, rufend und singend. Das Solistenquartett der „klassischen“ Sänger Sen Guo (Sopran), Huiling Zhu (Alt), Kang Wang (Tenor) und Shen Yang )Nass= findet sich gut in den dankbaren Partien zurecht. Dass man dabei nicht immer an seine dynamischen Grenzen gehen muss, vergass vor allem der einigermaßen brüllende Tenorsolist. Die beeindruckenden Solisten auf der Xi qin (Pferdekopfgeige), Batubagen mit seinem Kehlkopfgesang, und der Fantan Pipa (eine hinter dem Rücken zu spielende Laute), Wenqing Shi, sowie die Folkloresängerin Tan Weiwei erhielten besonderen Applaus des Publikums. Für die Dresdner Musikfestspiele, die künftig eine große Uraufführung in jedem ihrer Jahrgänge integrieren wollen, bedeutete Tan Duns Passion zwar so etwas wie den Herzmittelpunkt, das Werk indes hätte dramaturgisch besser begleitet werden müssen als mit der im Foyer des Kulturpalastes fehlplatzierten Performance der „Bohème 2020“-Künstler, die ein Ankommen im Werk tatsächlich erschwerte, den Lärm der Zeit versinnbildlichend.

Fotos: (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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