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Himmlische Tiefe, windstilles Innehalten

Gustav Mahlers „Auferstehungssinfonie“ bei den Dresdner Musikfestspielen

Es gibt diese seltenen Momente im Verlauf eines Konzertes, einer musikalischen Darbietung, in denen Magisches geschieht, ohne dass wir es genau benennen können, warum es geschieht, und wer nun daran schuld ist – der Komponist, der Interpret, oder gar wir Zuhörer, weil wir besonders aufmerksam sind und sich auch diese Atmosphäre wieder auf die Bühne überträgt? Für letzteres dürfte das Budapest Festival Orchestra unter seinem Chefdirigenten und Gründer Iván Fischer dem Dresdner Publikum besonders dankbar sein, und man muss auch feststellen, dass eine solche spannungsgeladene Atmosphäre im Auditorium eine Seltenheit geworden ist. Wenn sie aber da ist, geschieht eben dieses Unglaubliche, was alles und alle in die Musik hineinzieht, und selbstverständlich wirken die emotionsgeladenen, direkt wirkenden Töne der 2. Sinfonie c-Moll von Gustav Mahler wie ein unendlicher großer Sog – ist man einmal darin gelandet.

Dafür bedarf es aber besonderer Sachwaltung aller Interpreten, und das war letzten Freitag beim Gastspiel der Ungarn zu den Dresdner Musikfestspielen ganz klar der Fall. Das herb herausfahrende Eingangsthema der Sinfonie war von den Celli mit klar positioniertem Bewusstsein gesetzt und im Tempo punktgenau „versenkt“. Iván Fischer konnte da fast nur mit den Händen zugucken, wie seine Streicher schon zu Beginn den ersten Höhepunkt markierten. Interessant und auch ganz kurz gewöhnungsbedürftig für die Ohren war die Aufstellung des Orchesters auf der Bühne mit mittig platzierten Bässen und der Trennung von Hörnern (links) gegenüber Trompeten und Posaunen ganz rechts, während die beiden Harfen quasi „im Eck“ saßen, die sich interessanterweise dort vor allem in der Tiefe wunderbar mit den Streicher verbanden. Um solche Nuancen kümmerte sich Fischer natürlich höchstpersönlich, und man konnte auch seinen Gesten sofort entnehmen, in welche Richtung die Interpretation dieser Mahler-Sinfonie unterwegs war. Das Orchester ist seit einigen Jahren mit einer Gesamtaufnahme der zehn Sinfonien beschäftigt und sehr vertraut mit der Charakteristik der Werke.

Gleich die ersten Aufschwünge zum Tutti im 1. Satz waren ganz leicht zurückgenommen – Fischer setzte auf einen großen Bogen und verpulverte die Spannung eben nicht mit dem ersten Forte. Außerdem war sofort zu bemerken, wie kompetent Orchester und Dirigent den Saal und seine akustischen Möglichkeiten gleich beim ersten Aufeinandertreffen nutzten: was für ein windstilles Innehalten war etwa das Englisch-Horn-Solo im 1. Satz oder die choralartigen Trompetenakkorde kurz vor Schluss desselben. Entspannt, sanft tänzelnd gab sich das „Andante Moderato“ an zweiter Stelle – mit einer toll ausgesungenen Cello-Passage und einem Satzschluss, der ehrlichen kurzen Szenenapplaus hervorrief. Erneut staunen durfte man über die dynamische Zurückhaltung Fischers im 3. Satz: das hier verarbeitete Wunderhorn-Lied erklang als reinste Kammermusikperle, und so konnten sich die von Mahler auskomponierten polternden Kontraste hier bizarr und überscharf gezeichnet entwickeln.

Das Wunderhorn-Gedicht „Urlicht“, das Mahler – nachträglich – als 5. Satz einfügte, gelang in der Interpretation von Elisabeth Kulman (Mezzosopran) besonders bezaubernd, weil sie die von Fischer vorgegebene Atmosphäre des Hochsinnlichen nicht ins Pathos überstreckte, sondern fast lapidar, aber wunderschön stimmlich ausgeformt eine poetische Wahrheit verkündete: „Der Mensch liegt in größter Noth!“ – Das saß, und zwar ebenso wie der apokalyptische Beginn des darauf folgenden Finales, in welchem Fischer bis zum Einsatz des Fernorchesters einen enormen Weltenwirbel im Orchester entfachte, und auch hier beeindruckte der feinste Kommentar der Piccolo-Flöte ebenso wie die differenziert ausgeführte Schlagwerk- und Paukengrundierung. Christiane Karg band sich dann mit ihrer fein strömenden Sopranstimme empfunden in die Klopstocksche Auferstehungshymne ein, wie auch der Philharmonische Chor Brno sich bekannt mahlererfahren zeigte und aus himmlischer Tiefe heraus gemeinsam mit dem Orchester das lautstarke, trotzdem von Fischer sanft und gleichzeitig kraftvoll gesteuerte Ende markierte. Fischers respektvoller und gleichzeitig ideenreicher, sensibler Umgang mit der Partitur von Gustav Mahler brachte eine besondere, lang nachwirkende Aufführung hervor.

Foto: (c) Oliver Killig

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