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Teuflisch gut.

Hector Berlioz „Fausts Verdammnis“ bei den Dresdner Musikfestspielen

Zwischen Spektakel und Brennglas, zwischen Verklärung und Erklärung, aber auch Romantisierung und philosophischer Überhöhung bewegen sich die unzähligen Vertonungen, die der Fauststoff – von Renaissance-Vorbildern des Goethe-Dramas angefangen bis in heutige Zeiten hervorgebracht hat. Während man sich mit dem „Doctor Faustus“ in allerhand Puppenspielen und Zirkusvorstellungen eher karikierend-populär auseinandersetzte, erkannten Komponisten im Zeitalter der Aufklärung sofort die Aussagekraft und –vielfalt von Goethes Faust-Tragödie und vor allem suchten und fanden sie verschiedenartigste musikalische Inspiration im Stück. Ernsthaft und tief ist die Auseinandersetzung des Franzosen Hector Berlioz (1803-69) mit dem Fauststoff zu nennen, und er fand – wenngleich eine „französische“, sehr individuelle Lösung für seine musikalische Umsetzung, so dass das im Genre schwer fassbare Opern-Oratorium gleich einmal bei der Uraufführung 1846 komplett durchfiel und noch in der Generalprobe, so berichtet die Leipziger „Neue Zeitschrift für Musik“, musste der Chor der Höllenszene beiseite gelegt werden, weil auch er einige „Teufeleien“ enthielt – der Rezensent freut sich zumindest auf „in dieser oder jener spätern Aufführung“ auf eine Chormitwirkung.

Berlioz ist durchaus nicht als Komponist der Kompromisse bekannt, seine Instrumentation waren pfiffig und avanciert, und „La Damnation de Faust“ heute komplett aufzuführen, ist auch heute noch ein Ereignis der besonderen Art, denn nahezu alle Musiker im Orchester (und die vier Solisten ohnehin) dürften vor dieser oder jener Passage durchaus einigen Respekt verspüren. Man sollte meinen, damit wäre es genug der Aufführungsschwierigkeiten, doch am Freitag machte das schwüle Gewitterwetter den Dresdner Musikfestspielen beinahe einen Strich durch die Rechnung, denn der für die vier Konzerte der Berlioz-Tour des Malmö SymfoniOrkester engagierte – im Gegensatz zum Uraufführungschor bestens präparierte! – MDR Rundfunkchor traf bei der Anreise aus Leipzig eine durch das Gewitter vollkommen überflutete A14 vor: „Frei von Eis rauschen Strom und Bäche“, kommentiert’s Goethe lakonisch. Das Zeitfenster war zu knapp, in der Semperoper wurde der Konzertbeginn daher um eine Stunde verschoben. Das Publikum nahm’s gelassen, doch für die wartenden Solisten und Orchestermusiker dürften dies lange Minuten der Anspannung gewesen sein – erst recht für den Chor, der aus dem Bus heraus in Taxis verfrachtet wurde und nach und nach die Semperoper erreichte.

Die letzten Sänger trafen inmitten des zweiten Konzertteils ein, da hatte ein Rumpfchor mit deutlich dezimierten Damenstimmen schon Herausragendes geleistet. Höchst professionell stellte sich das Leipziger Ensemble in den Dienst von Berlioz‘ Partitur und ließ sich die Aufregung nicht anmerken. Weniger bombastisch als etwa in seinem Requiem arbeitet der Komponist in seinen 19 Faust-Szenen samt Doppelepilog die Charakteristik der Vorlage heraus, sucht das Musikalisch-Atmosphärische und schafft etwa mit dem „Thule“-Lied oder der Höllenfahrt Geniewürfe von Musik, die allein schon einen Besuch einer Gesamtaufführung rechtfertigen. Nachträglich geißeln könnte man Berlioz noch für seine Sängerpartien, die vor allem dem Faust einigermaßen unmenschliche Kräfte abverlangen – sein Liebesleid zu Marguerite sowie der Verrat und Verkauf an Mephisto wird hier in riesige Bögen eingebettet, die dem US-Amerikaner Paul Groves alle Sangeskunst abverlangten und ihn zuweilen an natürliche Grenzen stoßen ließen, denen er aber kunstvoll begegnete und statt zu stemmen selbst dort noch Leichtigkeit walten ließ.

Edwin Crossley-Mercer glänzte in seiner kleinen Rolle als Brander ebenso wie die erfahrene Sophie Koch (Marguerite), deren Thule-Lied in vollkommener Innigkeit zu einem Höhepunkt der gesamten Aufführung geriet – gemeinsam mit der mutigen, klangvoll artikulierenden Solobratschistin Susanja Nielsen im Orchester. Und natürlich absolut herausragend agierte der walisische Bassbariton Sir Bryn Terfel in seiner Paraderolle als Méphistophélès, wobei allein seine Mimik schon die Grenzen der konzertanten Aufführung sprengte – ihm nimmt man jeden Satz ab, und trotz exzellenter Diktion aller Solisten brauchte man des Französischen gar nicht mächtig sein. So plastisch agierte auch der MDR Rundfunkchor in der Einstudierung von Denis Comtet und das Malmö SymfoniOrkester unter der Gesamtleitung von Marc Soustrot (seit 2011 Chefdirigent des Orchesters), der als Berlioz-Kenner nicht nur großes persönliches Engagement, sondern auch viel Herz und Emotion in die Aufführung legte und einige Passagen zwar an den Rand der Ausführbarkeit trieb, aber in dieser elektrisierenden Hochspannung wuchs das südschwedische Orchester über sich hinaus und schuf diesen unerhört frechen, aber auch enorm lyrischen Berlioz-Sound, den zu erzeugen sich ein Orchester erst einmal subtil erarbeiten muss. Eine Viertelstunde vor Mitternacht hielt es das Publikum auch nicht mehr auf den Sitzen – stehende Ovationen für eine denkwürdige Aufführung.

Foto (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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