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In den Musikwald verführt

Hélène Grimaud und Mat Hennek mit „Woodlands and beyond…“ im Kulturpalast Dresden

Sie ist Stammgast bei den Dresdner Musikfestspielen und ihre Recitals, Kammermusikabende und Klavierkonzerte sorgen nicht nur für ein volles und zumeist mucksmäuschenstill zuhörendes Haus, sondern auch für aufregende, außergewöhnliche Erlebnisse: die französische, in New York lebende Pianistin Hélène Grimaud ist vielleicht auch deswegen so beliebt, weil sie sich niemals einem Mainstream oder den Marketingansagen der Agenturen und Plattenlabels untergeordnet hat, sondern „bei sich“ geblieben ist. Was so einfach klingt, muss aber in einem Künstlerleben erst einmal herausgefunden werden und unterliegt natürlich stetiger Wandlung. Und doch, sobald Hélène Grimaud die ersten Töne erklingen läßt, ist da wieder dieser unerklärliche Sanftmut, mit dem sie sich der Musik respektvoll nähert und dabei das Eigene natürlich einfließen läßt.

Bei ihrem Recital am Freitagabend im Dresdner Kulturpalast trat zu ihrem Klavierspiel eine weitere Ebene hinzu: Bilder ihres Lebenspartners, dem Fotografen und Visual Artist Mat Hennek, wurden auf eine raumhohe Leinwand hinter dem Flügel projiziert, in der Dunkelheit groß genug, dass Bild und Klang eine Symbiose eingehen konnten. Und auch die Zeit spielte eine wesentliche Rolle bei ihrem gemeinsamen Projekt „Woodlands and Beyond…“, denn während das Ohr mit den Geschichten in den Klavierstücken beschäftigt ist, braucht auch das Auge eine Zeitstruktur, die Aufnahme und Verarbeitung des Gesehenen unterstützt. Dankbar war man dafür, dass die Schnitte und Übergänge langsam und sanft geschahen: ebenso wie sich etwa Wasser-Kaskaden in Toru Takemitsus „Rain Tree Sketch“ nicht daherpolternd entwickeln, wurde dem Auge auch Zeit gegeben, eine Struktur im Bild, eine Farbe oder einen Horizont zu entdecken.

Mit Fauré im Birkenwald.

 

Etwas durch und durch Poetisches entstand in diesem etwas mehr als eine Stunde währenden Recitals und man durfte fast kindlichen Sinnes durch die Bilder und Farben sowohl der Naturfotos hindurchgehen als auch die ebensolchen der Musik wahrnehmen: ist Luciano Berios „Wasserklavier“ eigentlich weiß? Die Synästhetin Hélène Grimauds dürfte das sofort beantworten können. Um das Wasser drehte sich als zusätzlichem Element zu den gezeigten, beeindruckenden Waldszenerien das Programm der Pianistin: Leben und Bewegung, Geschwindigkeit und Wogen der Meere trat hinzu. Nicht immer verband sich das in idealer Weise mit den Bildern, doch genau dieser wechselnde Abstand zwischen Bild und Ton beziehungsweise wechselseitige „Tönung“ war das eigentlich Spannende dieses audiovisuellen Projekts. Denn in Gabriel Faurés etwas offenherziger Barcarolle Nr. 5 entlud sich ein ziemliches Drama zwischen den eigentlich schweigenden Wipfeln, dann wieder erfrischte „Jeux d’eau“ von Maurice Ravel zu hingepfützten Wasserbildern, wo Franz Liszt mehr oder weniger in den Wasserspielen der Villa d’Este aus „Années de Pelerinage“ eher die Badewanne überlaufen ließ.

Sorgsam arrangierte elektronische Wassertropfen des Briten Nitin Sawhney bildeten einen sanften Übergang zwischen den Klavierstücken. Stille, ausgehalten und empfunden, das wäre vielleicht mutiger gewesen, als mit der Elektronik noch eine neue akustische Ebene zu eröffnen. Dass Grimaud für dieses Projekt Stücke auswählte, die weit mehr als eine Miniatur oder einen Aphorismus bildeten, sondern in kurzen, aber klaren Strichen eine ganze Szenerie entfalten konnten wie etwa das Eingangsstück von Leoš Janáček Klavierzyklus „Im Nebel“, tat dem Abend jedoch gut. Ihre Interpretationen lockten die Zuhörer dann endgültig und willig in einen mystischen Musikwald jenseits aller Beschreibungen und vor allem Erwartungen. Da kam Isaac Albéniz‘ „Almeria“ aus der „Suite Iberia“ einmal nicht als zackig flamencostapfende Spanienkarikatur daher, sondern war von Grimaud fast wie mit dem Kohlestift auf den Klaviertasten gezeichnet.

Und auch mit Debussys „La cathédrale engloutie“, dem Schlußstück der „Préludes“, überraschte die Pianistin, denn statt in stockender Verklärung verharrend wirkte ihr Unterwasserglockenklang eher  forschend interessiert und sie beließ das Kirchlein dort, wo Debussy es hingesetzt hatte: „flottant et sourd – schwimmend und dumpf“ verklingt diese Erinnerung. Und wir betrachteten im Saal dazu die hochaufragende Stämme, die Hennek bei seinen Waldexkursionen gefunden hat und stellen, vom vielen Wasser auf der Bühne in schwüler Vorsommerzeit angenehm erfrischt, fest, dass es viele inspirierende Wege jenseits des klassischen Klavierabends zu beschreiten gibt – „Woodlands and Beyond…“ tat dies auf eine sehr ehrliche, überzeugende und sinnliche Art, und vor allem ohne zu belehren. Dieses Geschenk aus Tönen und Bildern nahm das Dresdner Publikum gerne an.

Fotos (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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