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Romantik pur

Renaud Capuçon und Guillaume Bellom spielten im Palais

Oft sind es ja die unbekannten Einspringer, die für Furore in der Musikwelt sorgen – davon gäbe es viele Geschichten zu erzählen. Doch was, wenn der Einspringer selbst schon ein Weltstar ist? Dann steht dem Zuhörer ja mindestens ein ebenbürtiges Ereignis bevor. Aber am besten ist es, wenn es gar nicht um Vergleiche geht, das Entgangene läßt sich ohnehin nur erahnen. Also denn: Renaud Capuçon sprang am Montagabend für Janine Jansen bei den Dresdner Musikfestspielen ein. Der bei Thomas Brandis und Isaac Stern ausgebildete Franzose ist lange schon ein gefragter Solist bei den großen Orchestern in aller Welt, spielt aber intensiv auch Kammermusik in wechselnden Formationen und mit Musikern wie Martha Argerich oder Hélène Grimaud.

Für sein Recital im Palais im Großen Garten hatte er Guillaume Bellom als Begleiter mitgebracht, das Programm von Janine Jansen blieb sogar zur Hälfte erhalten und war klassisch-romantisch angelegt, wobei diese Titulierung allerdings das Besondere ausklammert, das etwa die c-Moll-Sonate von Ludwig van Beethoven auszeichnet: Spannungen und Energien werden hier ausgehalten und ausgebreitet. Wo frühere Werke schnell die Kurve zum Ordentlichen, zum Geschmack hin bekamen, entdeckt der Komponist hier die Vehemenz der Aussage. Das muss ein Interpret erst einmal nachfühlen und herausarbeiten, doch Renaud Capuçon breitete über dieses c-Moll das Tuch des Schönspiels und überließ deutlichere Akzente zumeist Bellom am Klavier – ob der aus unerfindlichen Gründen resonanzbodenfreie Flügel oder die zu Beginn noch blendende Sonne hier letzten Extremismus dämpfte, bliebe Spekulation.

Die eingangs vorgestellten Drei Romanzen von Clara Schumann jedenfalls waren schnell in der Erinnerung verschwunden, weil Capuçon hier auch mit der Intonation der Spitzentöne zu kämpfen hatte und manches etwas dick aufgetragen geriet. Der leicht wolkig-schwüle Beethoven bekam dann in der Klangfarbe doch noch einen Höhepunkt im ironisch-ruppigen Scherzo verpasst, und im Finale vereinte Capuçon gekonnt alle bisher vorgestellten Klanglichkeiten und führte das Werk in seinen selbstbewusst-markigen Abschluss. Der zweite Teil des Konzertes wirkte dann geschlossener, weil die beiden Interpreten wohl mehr „zu Hause“ ankamen und nun auch eine Freiheit und Inspiration im Spiel spürbar war, die die beiden vorgestellten Werke veredelte. Claude Debussys 1916/17 entstandene Violinsonate ist ein Werk zwischen den Zeiten – es will sich noch nicht ganz von der klassischen Formgebung etwa des die französische Musikwelt prägenden Camille Saint-Saëns lösen, dann aber vertieft sich der Komponist plötzlich so sehr in eine gefundene pastellene Farbe, dass die Musik nahezu Duft verströmt, Raum und Zeit aufgehoben erscheinen. Capuçon und Bellom, die übrigens im gesamten Konzert keinerlei Allüren oder Extrovertiertheit frönten, sondern den Noten mit viel Konzentration zwischen Versunkenheit und Anspannung nachgingen, spürten diesen Farben nach und lösten genau den Widerspruch des Werkes mit ihrer Interpretation auf: ein spätes, immer noch zu entdeckendes Meisterwerk des Komponisten, nicht mehr und nicht weniger!

Anders liegt der Fall bei César Francks Violinsonate, die vermutlich bis heute die hintersten Winkel von Patagonien erreicht haben dürfte – kaum ein Werk genießt solch eine Beliebtheit auf dem Kammermusikpodium. Geiger und Pianist dürfen hier gleichermaßen im großen Bogen schwelgen, aber auch eine gehörige Portion kleiner schwarzer Noten abliefern, und dies möglichst mit ordentlichem Temperament gewürzt. Das gelang den beiden vortrefflich, wenngleich eine letzte Contenance auch hier zu spüren war: Bellom artikulierte im Duo sehr fein, um die Balance zu wahren, und seine solistischen Passagen ließen erahnen, dass man ihn gerne einmal solistisch erleben würde. Capuçon wiederum hatte große Freude am Ausgestalten jedes einzelnen Tones, der Drang zum nächsten erhielt oder individuell erzählen durfte – eine episch durchdrungene Interpretation, die aber nie in Kitsch abdriftete. Massenets „Méditation“ und Kreislers Liebesleid (what else?) gab’s obendrauf. Vor so viel Romantik kapitulierte auch die Sonne im Dresdner Westen – und versank.

Foto (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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