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Ob die alle in den Garten passen?

Mozart mit sieben Bässen, Harfentänze und eine Wanderung durch Lettland – die „Deutsche Streicherphilharmonie“ gastierte in der Frauenkirche Dresden

Unter den bekannten Jugendorchesterensembles existiert seit über vierzig Jahren eines, das sich schon in der Besetzung vom normalen Sinfonieorchester abhebt: die Deutsche Streicherphilharmonie wurde zu DDR-Zeiten als Rundfunk-Musikschulorchester in Ost-Berlin von Helmut Koch gegründet und geleitet. In Trägerschaft des Verbandes Deutscher Musikschulen leitet Wolfgang Hentrich, Konzertmeister der Dresdner Philharmonie, seit 2013 das Ensemble, nachdem Michael Sanderling zehn Jahre die Leitung inne hatte. Schon wegen dieser engen Dresdner Verbindung (auch Herbert Kegel und Jörg-Peter Weigle zählten schon zu den Leitern) war das Konzert der Streicherphilharmonie am Sonnabend in der Frauenkirche besonders, zeigt es doch auch dem mit zwei großen und guten Orchestern verwöhnten Dresdner Publikum eindrücklich, dass man sich zumindest um Streichernachwuchs keine Sorgen machen braucht.

Die lange Reihe der in die Frauenkirche einziehenden Musiker riss nicht ab: gut 70 Streicher umfasst das Ensemble in seiner derzeitigen Sommer-„Arbeitsphase“. Was so streng klingt, führt die 11 bis 20-jährigen Musiker quer durch Europa und hoffentlich nebst mancher intensiven Probe auch zu tollen Erlebnissen. Hentrich hatte mit den Jugendlichen ein anspruchsvolles Programm erarbeitet, das einen Bogen von Mozart bis ins 21. Jahrhundert schlug. Aber Moment, ein für laue Salzburger Gartenfeste komponiertes Divertimento von Mozart mit nicht weniger als sieben Kontrabässen? Passen die denn alle in den Garten? Nichts leichter als das, denn selbstverständlich hat Wolfgang Hentrich viel Erfahrung mit dieser Musik und den akustisch schwierigen Frauenkirchraum kennt er ohnehin.

Und so erfreute man sich gleich zu Beginn des Konzerts an einem differenzierten, schlanken Mozart-Klang, der nicht die Angst vor dem sprichwörtlichen Porzellanladen vor sich hertrug, sondern sicher und spielerisch darin umherspazierte. Ernster wurde es mit Gustav Mahlers „Adagietto“ aus der 5. Sinfonie, bei dem sich die Solistin Sarah Christ an der Harfe bereits mitten unter die Streicher mischte. Und genau so war auch das Ergebnis der Interpretation ein feiner Mischklang von einem Saiteninstrument unter Saiteninstrumenten, wobei Hentrich gut daran tat, das Stück nicht allzu langsam zu nehmen. Solistisch durfte Christ dann in den zwei Tänzen von Claude Debussy brillieren. Gemeinsames Atmen mit den Streichern und eine für den Raum der Kirche sehr adäquate, deutliche Spielhaltung machten auch dieses leichtfüßig-impressionistische Stück zu einem Genuss. Das hätte nun munter so weitergehen können, doch die Streicherphilharmonie zeigte nach der Pause noch weitere Facetten ihres Könnens mit zwei Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert.

Mit dem Werk des lettischen Komponisten Pēteris Vasks ist Hentrich schon seit vielen Jahren vertraut – im letzten Jahr konnte die Streicherphilharmonie sein Stück „Viatore“ mit dem Komponisten selbst anläßlich einer Baltikum-Reise erarbeiten. Mit markanten Themen und klarer diatonischer Führung versehen, ist „Viatore“ wohl ein moderner Ausläufer der sinfonischen Dichtung, die Wegstrecke des Wanderers und die zerfließende Zeit zeichnete das Orchester gut nach. Zum Abschluss waren alle Musikerinnen und Musiker in Grażyna Bacewicz „Konzert für Streichorchester“ (1948) stark gefordert, die polyphone Struktur zur Lebendigkeit zu erwecken. Das gelang unter den motivierenden Händen von Wolfgang Hentrich völlig problemlos und mit schöner Differenzierung der Rhythmik und Lautstärken. Und dann noch einmal Schwelgen in der Zugabe: mit Edward Elgars „Nimrod“-Variation brachten die jungen Saitenspieler noch etwas britisches Proms-Feeling in die Frauenkirche. Bis dahin ist es ja auch gar nicht mehr so lange.

Veröffentlicht in Rezensionen

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