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Großes Kino!

Schumann und Rachmaninow im 12. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Die Musikstadt Dresden definiert sich nicht nur durch ihre ausübenden Musiker, die in jahrhundertealter Tradition über Kirche, Hof und Bürgertum bis heute für den Klang der Stadt sorgen. Es sind auch die hier wirkenden Komponisten, die sich mal offen inspiriert von der Stadt zeigten, mal ihre Werke vor allem deswegen für Dresden schufen, weil hier hervorragende Musiker dafür bereitstanden. So würde man problemlos eine Saison voller Orchesterkonzerte mit eben dieser Musik erstellen können – im 12. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden waren es exemplarisch zwei gewichtige Werke mit Dresdner Bezug. Wenn das Schumannsche Klavierkonzert zum wiederholten Male hier erklingt, ist es nicht nur Bekenntnis zu einem Komponisten, der hier prägende Jahre seines Lebens verbrachte, sondern immer wieder auch spannend, in welcher Deutung Musiker dieses Meisterwerk interpretieren.

Sir Antonio Pappano

Sein Debüt am Pult des Orchesters gab am Sonntagvormittag Sir Antonio Pappano, langjähriger Leiter des Royal Opera House in London sowie Chef des Orchesters Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, als Solisten durften die Konzertbesucher der Semperoper den kanadischen Pianisten Jan Lisiecki erleben, der bereits mehrfach in Dresden zu Gast war. Der 23-jährige versah gleich den Beginn des Konzertes mit einem markigen Ausrufezeichen und gab damit auch die Richtung vor: anstelle frühromantischen Träumereien nachzugeben war Lisiecki immer erdenverbunden und klar in seinem Spiel, was aber Poesie und einen unglaublich feinfühligen Anschlag der Tasten nicht ausschloss, im Gegenteil: man hatte beinahe das Gefühl, Schumann bilde nur die Basis für eine weitere Komposition, die Lisiecki unprätentiös dem Konzert zugab – nicht als Fremdling, sondern als Verbündeter von Schumanns Ideen, besonders deutlich in Kadenz des 1. Satzes spürbar. Sir Antonio Pappano folgte mit dem Orchester auf Augenhöhe, und die goldene Kapellkrawatte trug Lisiecki sympathischerweise ebenfalls, was dann auch im 3. Satz kompositorisch unterstrichen wurde: Orchester und Solist waren auf gleichen Pfaden unterwegs und das derart stimmige Tempogefühl, das Lisiecki von vorn mit sanfter Leichtigkeit vorgab, erlebt man in diesem manchmal schwer zwischen den Gemütslagen schwankenden Werk selten.

Derart in schumannscher Geborgenheit getragen gefühlt, gab es für das Publikum gleich eine Fortsetzung: Lisiecki und Pappano spielten vierhändig am Klavier ein Improptu aus Schumanns „Bildern aus dem Osten“ und leiteten damit auch im Titel sinnig zum nächsten Programmteil über. Blickte man etwa 1907 aus der Semperoper nämlich in den Osten der Stadt, so dürfte einem kurz hinter dem Pirnaischen Platz ein Haus auffallen, in dem ein russischer Komponist eifrig – wenngleich, so wissen wir heute, an jedem Takte lange zweifelnd – die Tinte auf’s Notenpapier warf. Sergej Rachmaninow vollendete seine zweite Sinfonie e-Moll in Dresden. Das monumentale, fast einstündige Werk atmet indes russische Seele in der Nachfolge von Tschaikowsky und ist bis heute in den Konzertsälen beliebt. Spätromantisches Drängen, Zaudern und auch das (Ver-)Zweifeln am Subjekt tritt wohl in kaum einer Sinfonie offener zu Tage, und das Ringen und Wüten verfolgt man insbesondere dann wohlwollend, wenn Orchester und Dirigent in der Lage sind, dem himmlisch langen Geflecht auch noch maximalen Ausdruck einzuhauchen.

Lisiecki und Pappano bei der Zugabe am Flügel

Pappano gab alles, und im zweiten Satz auch noch etwas mehr, so dass die Kapelle seinem maximalen Willen nicht mehr ganz folgen konnte. Auch damit folgte Pappano durchaus Schumannschem Temperament, der einem Prestissimo einmal die Anweisung „Noch schneller“ nachschob. Nachdem Pappano mit dem Orchester bereits das erste Largo wie aus einem Guss modellierte und vor allem immer wieder Steigerungen, Übergänge und Schlüsse klanglich fantastisch entstehen ließ, war dieser kleine Unfall im Scherzo verzeihlich. Der Berg von Noten nahm allerdings im 3. und 4. Satz kaum ab und man durfte nur noch staunen, wie Pappano mit Übersicht alle Instrumentengruppen für kleinste Details ins Visier nahm, hier und da abschattierte oder den Turbo anwarf und auch im langsamen Satz einen tollen Höhepunkt ausformte. Das war ein Breitwandformat, das zwar extremen Nachvollzug der Musikerinnen und Musiker forderte, dies löste die Staatskapelle aber als dankbare Herausforderung sofort ein: großes Kino!

Fotos (c) Matthias Creutziger

Veröffentlicht in Rezensionen

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