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Unglaublich!

Das Nationale Sinfonieorchester Tatarstan brilliert mit einer Schostakowitsch-Gesamteinspielung

Moment, Kasan? Das müßte in Russland liegen. Wohnen da nicht die wilden Tataren? Gut, wo man nicht so oft hinkommt, da halten sich die Klischees hartnäckiger. Mit der Wildheit war es aber möglicherweise bereits vorbei, als Iwan Grosny, der Schreckliche, sich die Zarenkrone aufsetzte und 1552 nach Kasan einmarschierte. Heute ist Tatarstan autonome Republik – bis zu Putins Amtsantritt galt sie noch als eine der eigenständigsten in Russland, muslimisch und orthodox geprägt, mit Kasan als lebendiger, selbstbewusster Hauptstadt. Und die rund 800 km östlich von Moskau gelegene Stadt war nicht zuletzt vor wenigen Tagen in Deutschland auf großes Interesse gestoßen: die deutsche Fußballnationalmannschaft hatte in der 2013 neu erbauten Kasan-Arena ihr letztes Vorrundenspiel gegen Südkorea verloren und ein WM-Debakel erlitten.

Alexander Sladkovsky

Abseits dessen könnte man sich mit der klassischen Kultur in Kasan vertraut machen – mit der Gesamtaufnahme des Nationalen Sinfonieorchesters Tatarstan der Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch, die das russische Label Melodiya im Februar veröffentlicht hat. Seit 1966 existiert das Orchester in Kasan, und bereits im Gründungskonzert erklang ein Werk von Dmitri Schostakowitsch. Damals leitete Nathan Rachlin, der auch Schostakowitschs 11. Sinfonie uraufführte, das Ensemble. Heute ist es Alexander Sladkovsky, der das Orchester seit Amtsbeginn 2010 auf ein internationales Niveau hob und es im Kulturleben der Stadt – unter anderem auch mit einem der Komponistin Sofia Gubaidulina gewidmeten Festival – fest verankerte, es gibt in der Konzerthalle „Salih Saidashev“ rund 100 Konzerte im Jahr.

Die Musik Dmitri Schostakowitschs spielt in allen russischen Orchestern heutzutage eine selbstverständliche, wichtige Rolle. Gesamtaufnahmen sind dennoch selten, wenn man von der DVD-Veröffentlichung von Valery Gergiev mit dem Mariinsky-Orchester absieht, 2013/14 in Paris aufgenommen. Vassily Petrenko nahm im selben Jahr mit dem Liverpool Philharmonic Orchestra eine hochgelobte Gesamteinspielung auf, die von Dmitri Kitaenko und dem Gürzenich Orchester ist bereits über zehn Jahre alt. Die zum Teil aufwändig besetzten, in jedem Fall besondere bis extreme Leistungen aller Instrumentalisten fordernden Stücke bedürfen einer intensiven Betreuung für eine Gesamtaufnahme. Sie müssen im Idealfall innerhalb des Ensembles im Konzert wie in den Proben auch wachsen (dürfen), das werden insbesondere die philharmonischen Musiker in Dresden bestätigen können, deren erste Gesamtaufnahme der Schostakowitsch-Sinfonien 2019 erscheinen wird. Es ist aber genau die Vertrautheit, die man schon bei den ersten Tönen der ersten eingelegten CD dieser Aufnahme spürt, die einen sofort in den Bann zieht und woraus der achtsame, kompetente Umgang mit den Partituren ebenso ersichtlich ist, wie ein vorgenommenes und bis in letzte Details umgesetztes Konzept der Interpretation. Hier wird etwa ein distanzierter, trotzdem farbenreicher Blick für die historischen, kommunistische Ereignisse behandelnden Sinfonien entwickelt, aber auch mit gehöriger Emotion nicht geizt, wo Schostakowitsch Persönliches und Intimes in extreme Melodiebögen oder – wie im 1. Satz der 8. Sinfonie – in „schreiende“ Höhepunkte angesichts eines nicht zu begreifenden Weltkrieges formt. Diese Äußerungen nimmt Dirigent Alexander Sladkovsky wörtlich und kann sich hier auf einen direkten, packenden Nachvollzug seines Orchesters verlassen. Was noch in der 1. und 4. Sinfonie etwas hitzig auch in der Agogik gerät (einige Male ist der die Auftakte und Bögen manchmal mitseufzende Dirigent doch etwas zu nah an den Mikrofonen…), wird dann spätestens mit der 6. und 7. Sinfonie nur noch genial.

Die berühmte „Leningrader“ Sinfonie gerät in einer bemerkenswerten Deutung zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten Einspielung. Selten hat man den Marsch des 1. Satzes so in einen Rausch gespielt gehört, gerade noch erscheint das Temperament eines Kyrill Kondraschin vergleichbar. Dann aber dreht Sladkovsky dieser Sinfonie geradezu das Licht aus. Düster und mit berstender Spannung im Piano formt er diesen Giganten als Fanal gegen den Krieg, gegen alle Kriege. Ebenso extrem gerät die 8. Sinfonie c-Moll – von hier ab lichtet sich die Klanglichkeit bis zum fast tänzerisch empfundenen Finale der 10. Sinfonie und einer leichten Unterspannung in den die russische Revolution unterschiedlich thematisierenden Sinfonien 11-13. Immer wieder beeindrucken die von Sladkovsky mit empfundener Ruhe ausmusizierten Largo-Sätze mit ausgedehnten, etwa im Englisch-Horn und in der Flöte exorbitant guten Soli von Bläsern und Streichern, und der karge Streicherklang der späten Lied-Sinfonie Nr. 14 ist so klug ausbalanciert, dass auch dieses Stück in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen wird.

Vielleicht ist es ausgerechnet der in seiner direkten, trotzdem rätselhaften Art schwer zu erfassende Charakter der letzten Sinfonie, der Sladkovsky nicht ganz überzeugend gelingt. Was aber diese Gesamtaufnahme so unglaublich gut macht, ist der Mut, mit dem das Nationale Sinfonieorchester Tatarstan nicht etwa eine historisch geprägte Rezeption des sinfonischen Werkes von Schostakowitsch als Kanon hinnimmt (und die Schatten von Mrawinski, Kondraschin, Barschai oder Roschdestwenski sind mächtig!), sondern forschend und respektvoll zugleich zum Kern der großen und großartigen Stücke vorzudringen sich vornimmt – davor muss man den Hut ziehen. Und wer Schostakowitsch und den Fußball nun immer noch nicht zusammenbringen kann: der Komponist war glühender Fan von Zenit Leningrad – Schostakowitschs Spielberichte und akribisch geführte Notizen gehören heute zu wichtigen Quellen der Erforschung der frühen Sportgeschichte der Sowjetunion…

  • Dmitri Schostakowitsch: Sinfonien Nr. 1-15, Natalia Muradymova, Pyotr Migunov, Grand Choir Masters of Choral Singing, Nationales Sinfonieorchester Tatarstan, Alexander Sladkovsky / Label Melodiya, 13 CDs, 2018
  • Website des Orchesters: http://en.tatarstan-symphony.com

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