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Ein Versehen?

Neue Schostakowitsch/Beethoven-Aufnahme der Dresdner Philharmonie erschienen

Nach mehreren nur grandios zu nennenden Konzerten der Dresdner Philharmonie mit den Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch und weiteren interessanten Sichten auf das sinfonische Werk von Ludwig van Beethoven ist man mittlerweile mehr als gespannt auf jeden weiteren Baustein, den Chefdirigent Michael Sanderling der in Entstehung befindlichen Gesamtaufnahme der Sinfonien beider Komponisten hinzufügt. Nicht alle Sinfonien werden einzeln erscheinen, aber einige Kombinationen waren es wert, gesondert veröffentlicht zu werden, so auch die jeweiligen „Fünften“, die Anfang Mai 2018 erschienen sind.

Äußerlich haben die beiden Sinfonien wenig miteinander gemein – selbst das gute alte „durch Nacht zum Licht“-Konzept, das der Form wegen auf den ersten Blick auf beide Stücke passen könnte, greift angesichts der vielen Charaktere und inneren Beziehungen der Werke zu kurz. Man sollte meinen, dass eine moderne Einspielung genau darauf eingeht und zu vielen, wenn nicht allen Aspekten der Stücke eine Haltung einnimmt. Doch leider ist genau dies hier nicht der Fall, und die Irritation überwiegt auch noch beim fünften Anhören, ohne dass sich ein Verständnis insbesondere Interpretationshaltung zum jeweiligen Gesamtwerk einstellt, was natürlich bei Schostakowitsch nur ambivalent geraten kann. Selbst eine gute Interpretation dieses Werkes läßt einen das Ungeheuerliche dieser Musik allenfalls erahnen – hier allerdings findet dieser spezielle emotionale Funke nicht statt, und das betrifft ebenso die Beethoven-Sinfonie, die ihre stärksten Momente im Übergang zum Finalsatz findet, der sich dann endlich einmal frei aufschwingen darf.

Davor liegen drei Sätze merkwürdiger, weil im Beethoven-Kontext mit diesem Orchester eigentlich selten bis nie anzutreffender Mühseligkeit und die zwar immerwieder außerordentlich schön spielende Dresdner Philharmonie ist vor allem in Tempofragen derartig überkontrolliert, dass sich kaum eine Spannung einstellen will, die den Hörer mitreißen würde. Immer wieder wird tontechnisch oder in der Dynamikbalance geglättet und gebremst, und sogar das berühmte Eingangsmotiv diskutiert nicht einmal die beiden Fermaten, sondern Sanderling fährt besonders in der Wiederholung einfach darüber hinweg. Zwischen forte und fortissimo wird selten unterschieden, die C-Dur-Höhepunkte im 2. Satz klingen fast frostig: die Pathosunterbindung mutiert ins Gegenteil, das Stück wirkt entleert – bis auf das Finale, das zwar im Tempo immer noch an der langen Leine gehalten wird, aber klanglich nun viel hellere und mutigere Tutti-Orchesterfarben bietet, wo vorher das Schönklanggebot einiges verhinderte.

Und Schostakowitsch? Hier gelangt Sanderling passagenweise, etwa am Ende des 1. Satzes Magisches, weil man spürt, die Noten werden sehr ernstgenommen, und somit entsteht im erfahrenen Wissen genügend Freiraum, um Nuancen von Schmerz, Trauer oder Lebendigkeit auszuformen: Freiraum für die Subtexte, die das Werk dringend benötigt, will man an die geballte Faust heran, mit der der  Komponist vor allem im D-Dur-Schluss den Stift geführt haben dürfte. Ihn nimmt Sanderling fast zu langsam und haucht damit nur den allerletzten Takten eine merkwürdige Wirkung plötzlicher Gewalt ein. Was ist Wahrheit, ruft auch die karikierend tänzelnde Solovioline im 2. Satz – ungenannt bleibt sie ebenso wie alle anderen Orchestermitglieder im dürftigen Booklet, indem nicht einmal der Dirigent selbst zu Wort kommt. Trotz vieler schöner Momente vor allem im Largo der Schostakowitsch-Sinfonie bleibt diese CD hinter den bisherigen weit zurück – ein Versehen? Die Tatsache, dass wir mit der Fünften von Schostakowitsch die erste Philharmonie-CD-Aufnahme aus dem Kulturpalast in den Händen halten (weitere bereits erfolgte Mitschnitte, etwa von Beethovens 9. Sinfonie zur Kulturpalast-Eröffnung, werden ebenfalls für die Gesamtaufnahme verwendet), fällt akustisch kaum auf – was nichts Schlechtes heißen muss. Während die Lukaskirche unverwechselbar bis in die älteste Eterna-Einspielung ihren Raumklang beigab, ist vor allem der Bläserklang der Kulturpalastaufnahme warm und ausgewogen, der durch die extrem hoch geführten Celli ausgeformte Höhepunkt des 3. Satzes wirkt schneidend direkt in seinem Anklagen. Auf die restlichen Einspielungen, nun vor allem der weniger bekannten Sinfonien Schostakowitschs, von denen allein Nummer 2, 3, 9, 14 und 15 in der nächsten Saison auch im Konzert erklingen werden, darf man gespannt sein.

 

  • Ludwig van Beethoven: 5. Sinfonie c-Moll, Opus 67 / Dmitri Schostakowitsch: 5. Sinfonie d-Moll, Opus 47, Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling, erschienen bei Sony Classical

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