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Für mehr Radieschen.

Saisonrückblick 2017/2018, erschienen in der DNN vom 4.8.2018

Herausragendes Ereignis
Wenn ich für ein herausragendes Ereignis in der vergangenen Saison nach Nürnberg gefahren bin, hat das weniger damit zu tun, dass Dresden nichts zu bieten hätte. Natürlich war etwa Christian Thielemanns kompletter Dresdner „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner ein hochkarätig besetztes und famos interpretiertes, weit ausstrahlendes Opernereignis, zeigte sich auch das Publikum etwa von Korngolds „Toter Stadt“ und Strawinskys „Oedipus Rex“ begeistert. Doch meine Tour ans Staatstheater Nürnberg weckte erst recht Erinnerungen an Willy Deckers Inszenierung 1995 in der Semperoper: Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ erklang in Nürnberg im März dieses Jahres anläßlich des 100. Geburtstages des Komponisten in der Sichtweise von Regisseur Peter Konwitschny und war gleichzeitig die letzte Premiere in der Intendanz von Peter Theiler, der nun die Geschicke der Semperoper leiten wird. Bringt man diese Erfahrungen zusammen, so dürfte sich nun Spritsparen einstellen. Für das äußerst selten zu erlebende, ebenso grandiose Opernfragment „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg, der ersten Premiere der Saison 2018/2019 an der Semperoper, lege ich exakt 2900 Meter zurück. Mit dem Rad.

Überraschendster Künstler
Ich mag mich nicht auf eine Person oder Gruppe festlegen, sondern in diesem Jahr breche ich eine Lanze für das Potenzial, das in dieser Stadt steckt: überraschendste Künstler sind immer wieder die Dresdner (Ensembles) selbst, die sich Jahr für Jahr über alle Maßen engagieren und Aufführungen ungeahnter Qualität auf die Beine stellen, weil ihr Herzblut an der Musik hängt. Da beendet etwa der Dresdner Kammerchor soeben seine epochale Heinrich-Schütz-Gesamtaufnahme. Seit sieben Jahren erfahren wir auch in den die Aufnahmen begleitenden Konzerten, von welch großer Tiefe die facettenreiche Musik dieses wichtigsten Dresdner Komponisten ist – zeitlos wirkt etwa die Botschaft der Motette „Verleih uns Frieden“ hoffentlich auch in die dunkelsten Bereiche der Stadt und des Landes. Da vergräbt sich das TU-Orchester in eine Partitur von Mieczysław Weinberg und stemmt gar eine deutsche Erstaufführung, da bringt die Singakademie wieder Theodorakis in die Stadt und das Vocal Concert tönt zu den Bildern des Albertinums. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Einige dieser freien Ensembles haben gerade ihre Gründungen in den 90ern gebührend gefeiert, ihre Präsenz in der Stadt ist beeindruckend und in höchstem Maße – vielleicht sogar mit viel mehr städtisch-politischem Bekenntnis für eine mehr denn je lebensnotwendige Kultur von innen heraus – unterstützenswert. Wenn dann ein Kollege genau an dieser Stelle mit Blick auf die Kulturhauptstadt 2025 von „Tinnef“ spricht und in seinem Rückblick Western und (Anti-) Kriegsfilme – nie werden Klammern schamhafter gesetzt als bei diesem Begriff – empfiehlt, hoffe ich nicht, dass das für das Selbstbild dieser lebendigen, vielfarbigen Kulturstadt steht.

Enttäuschte Erwartungen
Nein, wir wurden nicht enttäuscht. Wie schon eben geschildert, gibt man in Dresden sein letztes Hemd für die Kultur. Doch man darf auch kurz innehalten: wenn der Kreuzchor ins Stadion muss, die Stadtfeste vor Unübersichtlichkeit aus den Nähten platzen und der Kulturpalast mit „Schwanensee“ vom Band vollgetaktet werden muss, während herausragende Orchester Dresden mal eben bei den im Programm vier Wochen randvollen, aber im Profil unter einem austauschbaren Motto kaum mehr erkennbaren Musikfestspielen in 24 Stunden während einer Europatour „mitnehmen“, wäre ein Blick auf das Maß vonnöten, im nächsten Schritt dann der Blick auf die Tiefe, respektive die Ehrlichkeit einer Aufführung. Es gibt auch wunderbar überdimensionierte Supermärkte in Dresden, in denen ich stundenlang mit wachsender Ermüdung die ganze Vielfalt des Angebots betrachten kann. Dagegen kann mich der Geschmack eines liebevoll im Garten gezogenen Radieschens glücklich machen.

Was fehlte in der Saison?
Wenn ich die – im Grunde positive – Sättigung durch Musikereignisse eben schon betrachtet habe, da ich längst schon nicht mehr alle zeitgleich stattfindenden Premieren, Konzerte – ach, und ins Schauspiel, in die Operette und nach Hellerau wollte ich ja auch noch…! – wahrnehmen kann, so fehlt mir oft in der Masse des Präsentierten der Mut. Mut generell, von seinen musikalischen Ideen und Überzeugungen zum Zuhörer zu gelangen, was beim lieblos gestalteten Programmheft (-zettel) anfängt und sich in der insgesamt höchst vorsichtigen Behandlung des digitalen Immernochneulandes manifestiert. Noch mehr Selbstvertrauen darf aber zum Neuen, zur Vision, zur Provokation gefasst werden. Allerdings nicht in der Behäbigkeit einer improvisatorisch im Kulturpalastfoyer turnenden, so titulierten, aber diesen Begriff keinesfalls mit Leben erfüllenden „Bohème“-Gruppe – warum schaut man sich nicht mal bei Ultraschall, den Wittener Kammermusiktagen, Acht Brücken oder den fantastischen Jahresprogrammen der europäischen Neue-Musik-Ensembles um? Ein spannender Musikimport jenseits des oft an der Stirn klebenden Tellerrandes war immer schon ein schwieriges Thema in Dresden. Um das Netzwerk KlangNetz Dresden ist es auch in dieser Hinsicht leider etwas stiller geworden, stattdessen ist die neu gegründete „kapelle 21“ um Orchestermusiker wie Petr Popelka hoffentlich keine Eintagsfliege, sondern bereichert uns künftig mit lustvoll und unkonventionell interpretierter Gegenwartsmusik aus der Mitte des Orchesters heraus. Und auch bei der Elblandphilharmonie weht in Gestalt von Chefdirigent Ekkehard Klemm der völlig selbstverständliche Diskurs-Blick des Neuen im Alten, mischt man Hartmann mit Dvořák oder schaut sich ehrenwert in der Region um: wow, Dresden ist ja voller spannender Komponisten…! Um die britisch-amerikanische Kultur des Achtminüters vor’m Mozart-Konzert, den man in eben gleicher Zeitspanne wieder vergessen hat, ist es nicht schade.

Worauf ist die Vorfreude groß?
Auf Vollendungen: Schostakowitsch/Beethoven bei der Dresdner Philharmonie mit spannenden Aufführungen in der neuen Saison, ein kompletter Schütz beim Dresdner Kammerchor. Auf Jubeln: Die Dresdner Sinfoniker werden 20 Jahre alt und dieses besondere Ensemble hat – weit über Dresden hinaus – immer wieder seinen Stachel in die Kultur gesetzt und zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung, mit Musik, über Musik, über unsere Gesellschaft und Welt, angeregt. Und: auf die kanadische Ausnahmekünstlerin, die Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan, die am 25. Oktober mit dem Liedzyklus „Let me tell you“ von Hans Abrahamsen bei den Palastkonzerten ein besonderes Musikerlebnis erwarten läßt.

Foto Barbara Hannigan (c) Heikki Tuuli

Veröffentlicht in Features Rezensionen

Ein Kommentar

  1. Sehr schön und lesenswert geschrieben! Ich wäre sicher öfters in der Semperoper, wenn die Zugverbindung nach Berlin besser wäre!

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