Springe zum Inhalt →

Fieber, Albtraum, Abgründe

Literatur und Musik im Kulturpalast Dresden mit Ulrich Matthes und dem Scharoun Ensemble

last Einzug hält, darf man bei betrieblichen Abläufen erleichternd feststellen. Im Falle der Kunst ist allerdings ein im stetigen Fluss befindliches, auf Erfahrung aufbauendes Lernen ratsam. So wird nicht nur das Orchesterrepertoire der Dresdner Philharmonie auf die Ist-Erfahrung von Klang und Wirkung im neuen Saal getestet, sondern auch die Darreichungsform desselben – Probieren und Experimentieren erwünscht! In den Räumlichkeiten wird die Musik ja schon sanft von der Literatur umschlossen, Bibliothek und Konzertsaal bilden in der täglichen Begehung eine fühlbare Einheit im Haus. Nun vereinigten sich beide im großen Saal im Rahmen einer neuen Konzertreihe der Dresdner Philharmonie.

Kästner, Schostakowitsch, Texte aus Kriegs- und Friedenszeiten sowie der einsamste Wal der Welt (aus dem Kinderbuch von Martin Baltscheit) stehen uns in der Reihe in dieser Saison noch bevor. Zum Auftakt gab es einen ebenso hochklassigen wie anspruchsvollen Abend: „Albtraum und Idylle“ mit Ulrich Matthes und dem Scharoun Ensemble zeigte am Tag der deutschen Einheit eindrucksvoll nicht nur, wo der (lyrische) Hammer hängt, sondern auch, wie schmal der Grat zwischen porzellanesker Romantik und dunklen Abgründen sein kann – im Extremfall winkt das offene Grab, an dem der Mann mit dem Bleistift bereits die Initialen einritzte. Schön, dass die Veranstalter auf Brimborium wie Lichtorgel oder Ohrensessel verzichteten und so die Aufmerksamkeit ganz dem Wort und der Musik zufiel.

Erstaunlich und positiv zu vermelden ist auch, dass viele Interessierte der Einladung zu dieser Reihe folgten und auch einem etwas überlangen Programm höchst aufmerksam lauschten. Bekanntes und Unbekanntes wechselte sich ab und gleich die erste Paarung ging auf: Brentano mit Debussy, mehr Flötenklang in einer Viertelstunde geht nicht. Anders Kafka, der hier auf Hindemith traf, zwei parallele, nicht mehr ganz kongruente Albträume, wobei der Komponist hier beinahe noch den Sieg davontrug, den was für ein bizarr-ruppiges Stück ist bitte diese „Dämon“-Bühnenmusik aus dem Jahr 1922? Manche Partitur-Perlen schlummern eben exakt bis zu solchen Abenden. Der Berliner Schauspieler Ulrich Matthes – seine Grimme-Preis-würdige Rolle aus dem Tatort „Im Schmerz geboren“ saß mir immer noch tief, weswegen ich auch froh bin, den Abend im Kulturpalast überlebt zu haben – hatte nach seinen kolossal guten Lesungen immer ein Ohr im Ensemble und bei Eichendorffs „Mondnacht“ mit anschließendem Quartettsatz „Der Tod und das Mädchen“ von Franz Schubert verbanden sich die Noten mit den Worten derart, dass Albtraum und Idylle fast greifbar wurden.

Spätestens an dieser Stelle stellte sich die Frage nach der Intimität der Atmosphäre. Das große Kammerensemble – insbesondere mit fantastischem Klangverständnis auftrumpfend in Jörg Widmanns „Fieberphantasie“ im 2. Teil – schafft der Saal ja mühelos, aber Schubert wäre so ein Grenzfall subjektiver Art. Aber welcher Raum wird diesem Meisterwerk der Entgrenzung von Musik in einen poetischen überhaupt gerecht? Noch dazu war ausgerechnet dieses Stück mit vielen harmonischen Wacklern und einer leider intonatorisch kaum akzeptabel führenden Geigenstimme (Wolfram Brandl) vor der Pause kein Genuss. Ein Text von Wolfgang Herrndorf und Jörg Widmanns penibles Arbeiten mit Skalpell und Grubenlampe im Schumannklang hoben den Abend dann noch einmal in andere Sphären.

Danach kehrte eine gewisse Bravheit und Vorsicht bei einem Satz aus dem Oktett von Franz Schubert und dem abschließenden Siegfried-Idyll von Richard Wagner ein, die vielleicht von Tagesform und Raum ausging, aber die man eigentlich von solch hervorragenden Musikern  – das Scharoun-Ensemble besteht seit 35 Jahren und ist überwiegend aus Mitgliedern der Berliner Philharmonikern gebildet – nicht erwartet. Kleist, Schubert und Wagner sorgten merkwürdigerweise für eine ordentliche Schwere des zweiten Konzertteils, die auch Matthes nicht mehr ausräumen konnte. Vielleicht fehlte da doch ein wenig der Gernhardtsche Abgrund, drum möge er diese Zeilen lichtdunkel abschließen: „Wein und Brot und Meerrettich wandern durch ein dunkles Ich. Auf dem Weg vom Ich zum Du freilich geht’s noch dunkler zu.“

  • „Musik und Literatur“ findet im Kulturpalast wieder anläßlich der Themenwoche „Erinnerung und Zukunft 1618-2018“ am 10. und 11. November statt.

Foto (c) Felix Broede

Veröffentlicht in Rezensionen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.