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Der vierte Raum

Igor Levit spielte einen hochintensiven Klavierabend im Kulturpalast Dresden

Ein Pianistin oder ein Pianist, ein Klavier, ein Saal, ein Publikum. Das sind die äußerlichen Zutaten des Klavier-Rezitals, der intimsten und persönlichsten Ausrichtung von Kammermusik überhaupt. Der Fokus aller Menschen im Saal richtet sich gut zwei Stunden lang auf lediglich zehn Finger und auf den Klang, der mit ihnen dem geöffneten Steinway-Flügel entlockt wird. Und ebenso wie wir Zeugen des Ausdrucks und der Botschaft der Musik werden, gestaltet der Interpret (vergängliche) Augenblicke und Gegenwart. Dass sich der 31-jähriger Pianist Igor Levit eines solchen Vorgangs nicht nur bewusst ist, sondern dass er ihn mit voller Absicht auch in seine Klavierabende einbezieht, ist denkbar, wenn man sein am Montagabend gespieltes Programm in der Klavier-Reihe „Pianissimo“ im Kulturpalast Dresden betrachtet. Eigentlich ist es ein unmögliches Programm, wenn man irgendwelche Gesetze anführen würde, wie ein Klavierabend abzulaufen habe. Haydn zum Einspielen, hier Gewichtiges von Beethoven oder Schubert, dort Entspannung mit Chopin, donnernde Spätromantik zum Abschluss. Gut, dass es solche Gesetze nicht gibt.

Und noch besser, dass uns Igor Levit an die Hand nimmt auf eine Reise in unbekanntes Terrain: von Bach zu Busoni, mit spannendem Zwischenhalt bei Liszt und Schumann, Brahms und Wagner. Moment, aber die Komponisten kennen wir doch alle? Richtig, aber die Transkriptionen und Bearbeitungen, die Levit in seinem Rezital und auf der neuen Doppel-CD „Life“ in den Mittelpunkt rückt, sind weniger bekannt und fügen im Mindesten die Ebene der Neu-Betrachtung und Weiterentwicklung des bereits Vorhandenen hinzu. „Life“ ist für Levit ein Aktivum, bedeutet sich stetig erneuerndes Leben, das auch einmal wie die berühmte Dalí-Uhr vom Tisch fließt. In Töne gefasst war dieser Zeitfluss etwa in der 1909 komponierten „Fantasia nach Johann Sebastian Bach“ von Ferruccio Busoni nahezu greifbar. Das drei verschiedene Orgelchoräle von Bach zu einem neuen Stück verbindende Werk ist eine Elegie auf den Tod des Vaters des Komponisten, die Erinnerung und Weiterdenken organisch zusammenführt, sich dabei jedoch nie in formalen Schubladen verengt. Zuvor kam das leider nicht sehr zahlreich erschienene, doch umso aufmerksamer folgende (und vor allem recht junge!) Publikum im Kulturpalast in den Genuss der berühmten „Chaconne“ aus der zweiten Partita von Bach. Die aber ist nun wiederum für die Violine geschrieben, und weniger bekannt als die Busoni-Bearbeitung ist diejenige von Johannes Brahms für die linke Hand allein. Auch hier ist ein Tor in die Moderne, ins Weiterdenken geöffnet, ruht man sich nicht beim Betrachten und Wiederholen der alten Noten und Erkenntnisse aus. Diese Tür blieb den ganzen Klavierabend über offen und wir Zuhörer hatten die Gelegenheit hindurchzugehen und wieder ein neues Auge auf die Bearbeitungen zu werfen.

Insgesamt überwog bei diesem Klavierabend ein ernster, auch nachdenklicher und elegischer Grundcharakter, doch Levit machte durch sein besonnenes Spiel auch deutlich, dass die Klarheit eines vorgestellten Themas, eines fein austarierten Dreiklangs Basis für schlicht /alles/ sein kann, ob das nun ein Wutausbruch ist, ein Kontrollverlust, ein Wabern und Weben oder eine mit Contenance zu begehende Entwicklung, wie Igor Levit schon in der Chaconne zu Beginn ganz klare Wegweiser in den Noten fand: das vertrauensvolle „Hier entlang!“ wich dem Zuhörer nicht mehr von der Seite. Und so wäre fast der einzig offene Wunsch des Abends gewesen, der Pause nach Schumanns unglaublichen und unglaublich gespielten „Geistervariationen“ zu entbehren, um sich in diesem Sanftstrudel der Permutation weiter treiben zu lassen – doch auch ein Pianist muss einmal Luft holen.

Erst am Ende konnte man auch begreifen, dass diese Pause an der richtigen Stelle saß: während der erste Programmteil sich quasi virtuos nach innen wendete, geizte der zweite Teil nicht mit herausbrechendem Ausdruck. Franz Liszt verdanken wir es, dass Richard Wagners „Marsch zum heiligen Gral“ aus der Oper Parsifal auch mit zwei einfühlsam die Gralsglocken läutenden Händen erlebbar wird, und eine gleich dreifache Betrachtungsebene eröffnet sich in Franz Liszts Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“, der rückwärts eine Hommage an Giacomo Meyerbeers Grand Opéra bildet und vorwärts von Busoni pianistisch ausgelesen wird. Was Levit mit großer Ruhe, aber auch fantastischem Sinn für Fortgang und Steigerungsaufbau hier schuf, war nicht weniger als eine Art „vierter Raum“, in dem sich Unsagbares, Tiefes abspielen durfte, und wo menschliche Regungen wie Trauer, Stolz, Kraft und Angst ebenso ihren berechtigten Platz erhielten wie Poesie und Traum. Eine einzelne Taste konnte hier bereits eine Geschichte erzählen, ein verlöschender Akkord war bereits eine kleine Welt für sich. Ohne Übertreibung sei die Weissagung gestattet, dass die Welt noch nicht ganz verloren ist, solange es solche klugen, auch lange nach dem Ende noch nachklingenden Klavierabende gibt, für den Igor Levit einen großen, warmherzigen Applaus empfing.

  • CD-Tipp: Igor Levit, „Life“, Werke von Bach, Busoni, Liszt, Wagner u. a. (Sony Music)

Foto (c) Robbie Lawrence

Veröffentlicht in Rezensionen

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