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Hinterglasmelodien

Begeisterndes Debüt von Vilde Frang im 4. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Vorweg muss die Ausnahme der Situation beschrieben werden, die wohl mitverantwortlich für das Besondere ist, das sich am Sonntagvormittag im 4. Sinfoniekonzert in der Semperoper entfalten konnte. Aufgrund der krankheitsbedingten Absage des 1. Gastdirigenten der Staatskapelle Dresden Myung-Whun Chung und dadurch auch von dessen Schwester, die als Solistin auftreten sollte, änderten sich Programm und Mitwirkende. Statt Brahms und Tschaikowsky gab es Beethoven und Dvořák, eine nicht minder spannende Kombination. Als Glücksfall stellte sich heraus, dass sowohl die gefragte norwegische Geigerin Vilde Frang als auch der deutsche Dirigent David Afkham Proben und die drei Konzerte ermöglichen konnten. Afkham hatte bereits 2013 einen Aufführungsabend der Staatskapelle dirigiert, für Vilde Frang war es das Debüt mit dem Orchester.

4. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden mit Dirigent David Afkham und Vilde Frang an der Violine am 16.12.2018 in der Semperoper.

Und was für eines! Denn sicherlich sucht man sich Ludwig van Beethovens Violinkonzert Opus 61 nicht mal eben aus, um als Einspringer einen unterhaltsamen Vormittag zu gewährleisten – es war eine mutige Wahl, auch wenn Frang derzeit mit dem Werk in mehreren Konzertserien in Deutschland auftritt und daher nicht völlig ins kalte Wasser hüpfte. Wenn ein Konzert ganze Interpretenleben verändern kann, sich täglich beim Üben und Spielen völlig anders gibt und man auch als Zuhörer stets wächst und bereichert wird, dann ist es wohl dieses Meisterwerk, dessen wahre Größe sich auch erst auftut, wenn man mit dem Komponisten selbst ins Gespräch gelangt. Und das ist Vilde Frang wohl am Sonntagvormittag bestens gelungen, wenngleich ein respektvolles Gespräch eben immer Rede und Gegenrede, Emotion und Widerspruch zuläßt. Und so war nach einer kurzen kontrollierten Phase im 1. Satz ein gutes Vertrauen zwischen Komponist und Interpretin erreicht. Das war dann die Basis für einen weiteren mutigen Schritt der Solistin, nämlich den Tönen in ihrem Innersten nachzugehen.

An der Mucksmäuschenstille des Publikums war zu erahnen, dass man Vilde Frang auf dieser Reise interessiert begleitete. Weniger als Drama oder Weltendonnermusik sah Frang den 1. Satz wohl vor allem als Wanderung nach innen, interessanterweise den 2. Satz vorbereitend, der dann mit offen gestandener Traurigkeit (das muss man diesem Konzert erst einmal entlocken!) und fremdartig winterlichen Hinterglastönen etwa in der im Klang wahrlich „ersterbenden“ Pizzicato-Stelle fast in Richtung einer neuen, neuartigen Musik schwenkte. Diese Tiefe war im 3. Satz nicht mehr ganz erreichbar. Vilde Frang befreite sich zwar nun aus dieser verinnerlichten Welt, doch der Finalsatz blieb bei ihr als Nachklang verhalten, und damit erneut überzeugend, weil sie so Beethoven nicht als Dreisatzpotpourri vorstellte, sondern als Einheit von – an diesem Vormittag – außergewöhnlicher Kraft. Mit Fritz Kreislers Violin-Graffiti der ehemaligen österreichischen Kaiserhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser“ gab die 32-jährige Geigerin zudem eine ungewöhnliche Zugabe, die historisch passte und mit der umspielenden Ornamentik trotzdem als Bonmot wirkte.

David Afkham

Sinfonisch ging es nach der Pause mit Antonín Dvořáks 7. Sinfonie d-Moll weiter. Diese für den Böhmen in ungewöhnlichen Matt-Farben schimmernde Moll-Sinfonie passte sehr gut zu den Beethovenerkundungen vor der Pause. Dirigent David Afkham hatte zwar noch eine leichte Schwierigkeit mit der rhythmischen Bodenhaftung im 1. Satz. Doch Dvořák hilft uns und auch Afkham und befreit die Noten einfach selbst von ihrer ankomponierten Schwere: nach den melodisch wunderbar von Horn und Holzbläsern ausgestalteten Themen des 1. Satzes bekam der 2. Satz ein sehr gutes, ruhig fließendes Tempo, mit dem der dritte in seinem leichtfüßigen Schwung kontrastieren durfte und das offenherzig herausbrechende Finale gut vorbereitete. In den Höhepunkten des 1. Satzes war noch mehr Schärfe und im besten Sinne flexibles Vornüberstürzen denkbar: der Pulverfasstanz geriet da fast ein bisschen zu brav. Afkhams ruhig aus der Musik heraus motivierende Art, die zu einer sorgfältig-aufmerksamen Haltung im Orchester führte, gefiel dem Publikum jedoch außerordentlich und formte letztlich eine beachtlich runde, charaktervolle Interpretation der Sinfonie.

Fotos (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Dresden Rezensionen

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