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Mit voller Wucht.

Dresdner Philharmonie führt die 2. und 3. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch auf

Plakat zum 1. Mai von Sergej Maljutin

Obwohl die Sinfonien Nummer 2 und 3 von Dmitri Schostakowitsch zeitlich zwischen einem schon zur Uraufführung umjubelten Geniestreich – der als Diplomarbeit am Konservatorium in Leningrad ersten Sinfonie – und der großdimensionierten, vom Komponisten selbst als persönliches Credo bezeichneten 4. Sinfonie stehen, sind sie heute von den Orchesterspielplänen verschwunden. Und richtig: man kann diese Stücke nicht einfach unkommentiert als Abendunterhaltung zwischen Mozart und Strauss platzieren, da sich beide Stücke in Dienste einer sich seit der Oktoberrevolution in den Künsten der Sowjetunion etablierenden Linientreue und Propaganda stellen. Trotzdem waren die beginnenden 20er-Jahre noch von der Möglichkeit der Experimentierfreude geprägt – Dada und Surrealismus hinterließen hier nicht nur ihre Spuren, sondern formten eigene Prägungen aus.

Wenn man in dem Kontext zum einen betrachtet, dass die genau zwischen den beiden am Donnerstag im Kulturpalast von der Dresdner Philharmonie gespielten Sinfonien Schostakowitschs entstandene erste Oper „Die Nase“ von einem Rezensenten als „Handgranate eines Anarchisten“ bezeichnet wurde, kann man sich in etwa vorstellen, welche Fähigkeiten der junge, in jahrelanger brotloser Tätigkeit als Kinopianist auch zum „inneren Anarchisten“ gereifte Komponist in seinen sinfonischen Partituren ausreizte. Chefdirigent Michael Sanderling hatte sich schon zu Beginn der Saison entschlossen, die beiden Sinfonien im Rahmen der CD-Gesamteinspielung nicht im Konzert vorzustellen, sondern sie in einen Werkstattcharakter zu betten. Gottlob gab es keine Podiumsdiskussion über Formalismusvorwürfe und Biografieklitterung, sondern Dramaturg Jörg Schubbe gab einen kurzen und prägnanten Einführungsvortrag, der die Stücke in ihrer Welt sinnig einordnete.

In der Mitte zwischen den beiden etwa halbstündigen Werken stand eine Lesung aus Julian Barnes wunderbarem Roman „Der Lärm der Zeit“, der eine einfühlsame, ebenso offene wie vielfarbige Charakterzeichnung des Komponisten ist – Lukas Rüppel vom Staatsschauspiel Dresden konnte mit der Gestalt von Dmitri Schostakowitsch viel anfangen und ließ viel Lebendigkeit einfließen. Der Romantitel war indes auch Motto des Konzerts, und das hätte auch kaum besser passen können, denn der Sozialismus schlägt die Trommel und bemüht die Volksmassen im Chor – hier hervorragend vertreten durch den MDR Rundfunkchor (Einstudierung Pavel Brochin). Bevor noch die „Assoziation Proletarischer Musiker“ und später der Komponistenverband zu ihren Scherbengerichten auch betreffend Schostakowitschs Musik ansetzen konnten, gibt sich der Komponist in der 2. und 3. Sinfonie avantgardistisch und läßt seinen sprühenden Ideen freien Lauf: neben einer prosaischen Entwicklung der Musik ohne Themenverarbeitung und Wiederholung bildet er Cluster und Klangflächen, streut kammermusikalische Passagen ein oder läßt ein Unisono aller Instrumente zu großer Rede aufschwingen.

Die Wucht und der Dissonanzenreichtum der Musik ließen nicht nur die Musiker zum notwendigen Gehörschutz greifen: auch der Saal stieß einige Male an seine akustischen Grenzen, und man hatte selbst im Rang ein „Overload“-Gefühl, das kurz vor einem Ohrenschmerz stand. Wie schon in früheren zumeist vokalsinfonischen Aufführungen bemerkt, sind fortissimo-Passagen mit Chor ab einer gewissen Lautstärke  problembehaftet, da das Obertonspektrum mancher Akkorde im Saal eine klirrende Wirkung hat und sich ins Geräusch verwandelt. Angesichts des im Werkstattkonzert durchgeführten CD-Mitschnitts entschied sich Michael Sanderling natürlich für „volle Fahrt voraus“, und auch in zukünftigen Konzerten wäre es eher ein merkwürdiges Zugeständnis, zugunsten eines wärmeren Spektrums im Saal die Höhepunkte der Stücke zu dämpfen. Trotz wohl erfolgter Nachbesserungen zeigte der Kulturpalast in diesem Konzert ganz klar seine Schwächen und Grenzen auf. Das Vergnügen an der Musik Schostakowitschs schmälerte das nur wenig.

Auch wenn die vorgeschriebene Fabriksirene in der 2. Sinfonie entfiel (auf der Aufnahme wird sie zu hören sein) und noch nicht alle Passagen auf den Punkt genau musiziert waren, präsentierte sich die Philharmonie hier auf einem interpretatorisch äußerst hohen Niveau. Auch in Tempo- und Gestaltungsfragen agierte Sanderling kompromisslos voranstürmend, aber mit nötiger Kontrolle, um den vor allem in der 3. Sinfonie dann doch chaotisch ausfasernden Satz immer wieder zu bändigen. Damit nahm er diese Musik genau so ernst wie alle anderen, später geschriebenen Sinfonien des Komponisten und der Philharmonie gelang so ein erstaunlich scharf gezeichnetes Dokument der Zeit. Die Sinfonien stellen einen wichtigen Puzzlestein unter vielen heute unbekannten Kunstwerken der 20er Jahre in der Sowjetunion dar, mit denen es sich zu beschäftigen auch künftig lohnen würde, damit auch die Befreiung von einer möglicherweise zu einseitigen Sicht auf diese Zeit gelingt.

 

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