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Auf dem Grat zwischen Sagen und Schweigen

Weber und Schostakowitsch im Konzert der Dresdner Philharmonie

Es ist sicherlich eines dieser Konzerte, an dem Dramaturgen entweder verzweifeln oder sich unendlich freuen: was soll man dem Solitär der 14. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, einer kammmermusikalisch sich an die Grenzen von Leben und Denken wendende Sinfonie zur Seite stellen? Haydn wäre denkbar gewesen, doch das wie am Ende fast wie ein Umkehrentwurf wirkende Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll von Carl Maria von Weber tat es am Sonntagvormittag im Konzert der Dresdner Philharmonie auch, mehr noch: es lichtete den drückenden Ernst des Russen etwas, trotz einer planetenweit empfindbaren Entfernung der Ausdruckshaltung. Webers Moll indes ist nur eine Schattierung, die bald zugunsten eines sprudelnden Ideenreichtums im Solo wie im Orchester aufgegeben wird. Klar steht hier noch das Soloinstrument im Vordergrund des Geschehens, und die Klarinette war um 1811 gerade durch die Mannheimer Schule und verschiedene Virtuosen von Rang „en vogue“.

Andreas Ottensamer, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker demonstrierte im Kulturpalast sein Können vor allem in der Weise außerordentlich, dass er Weber wenig zusätzliche Verkünstelung oder einen zu pathetischen Klang aufdrückte, sondern viel Natürlichkeit in den Fluß seiner Linien hineingab. Hinzu kam ein in den Ecksätzen äußerst flotter Gestus, der an wenigen Stellen an der Grenze des Esprits kratzte, aber die ist individuell ohnehin verschieden und darf unter dem Stichwort „launig“ auch an einem Sonntagvormittag die Sechzehntel aufgeperlt in den böigen Wind hängen. Dem Virtuosenduktus gegenüber stand das Empfundene, das im zweiten Satz samt hervorragendem Horntrio für einmalig schöne Momente sorgte. Ottensamers Differenzierung und Klangmodellierung war spannend zu verfolgen – schade, dass die Zugabe eines ungarischen Volksliedes da so kurz ausfiel.

Andererseits war dies wiederum eine gute Überleitung zum zweiten Teil des Konzertes, die das Wesentliche einer Musik betonte. Was immer man damit auch verbindet, in den Noten des späten Schostakowitsch wird es offenbar: kein Ornament, keine Attitüde oder Konvention ist hier mehr auffindbar, die Partitur der 14. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch bewegt sich in einem künstlerischen Müssen vorwärts, das der Poesie der vertonten Texte (u. a. von Apollinaire, Rilke und García Lorca verpflichtet ist und keinen Nebenschauplatz mehr duldet. An einem schmalen Grat zwischen Sagen und Schweigen tastet sich der Komponist in einem Kammerensemble mit Streichern, Celesta und Schlagzeug entlang, die Sprache ist noch vertraut, die Musik nur noch Silhouette der vormals riesenhaften Orchesterpartituren. Die Aufführung am Sonntag wurde für die entstehende Gesamtaufnahme der Sinfonien mitgeschnitten.

Leider erwies sich ausgerechnet dieses Werk als absolut ungeeignet für das Dresdner Publikum, das die Saaleinblendung, sich heute besonders ruhig zu verhalten, mit einem psychologisch dramatische Wirkungen entfaltenden „Bloß nicht“ verband. Und auch vermeintlich gesunde Konzertbesucher gerieten schon aufgrund der Hochspannung von Werk und Interpretation in Schwierigkeiten, denn die wortwörtlich zu nehmende Lösung versagt einem Schostakowitsch. Was die gerade einmal 19 Streicher, Celesta und Percussionisten aus diesem Stück mit seinen elf sehr unterschiedlichen Gedichten herausholten, kann nur hohe Bewunderung auslösen. Zunächst einmal entschied sich Michael Sanderling eben nicht für die bloße Darstellung des Materials, sondern er versteht Schostakowitsch auch hier und gerade hier als Komponisten von enormem Ausdruck und Gefühl. Das kleine Ensemble teilte diese Intention vollkommen und damit konnte sich ein Kosmos entfalten, der etwa in „An Delwig“ nach einem sensationellen Einsatz der drei Celli (Solo: Ulf Prelle) das Leben zurück in die Sinfonie holte. Eindringlich wirkten auch die fugati, etwa in „Im Kerker der Santé“, und nur beeindruckend war der hoch aufmerksame Umgang mit Rhythmus und Harmonik im gesamten Stück.

Polina Pastirchak (Sopran) und Dimitry Ivashchenko (Bass) gaben der Sinfonie eine passende, charakteristische Prägung zwischen bronzen-matter Tönung, die sich nahe am Sprechen bewegte und dramatischem Auffahren, etwa im für das Stück schlüsselartigen „Loreley“-Gedicht. Am Ende bleibt das starke Bild der letzten Takte mit dem eindringlichen Crescendo bestehen, als wolle der Komponist noch etwas Markerschütterndes sagen und doch im letzten Moment innehalten. Seine letzte sinfonische Äußerung indes, die dann wieder rein instrumentale 15. Sinfonie, wird die Dresdner Philharmonie zum Dresdner Gedenktag am 13. Februar aufführen.

  • Konzerttipp: am Donnerstag, den 17.1. findet um 19.30 Uhr im Kulturpalast eine Aufführung der Sinfonien Nr. 2 & 3 als öffentliche Probe statt. Michael Sanderling dirigiert die Dresdner Philharmoniker. Lukas Rüppel liest dazu aus Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“

Foto: Schostakowitsch im Publikum der Bachfeier, Leipzig 1950 | Foto von Renate und Roger Rössing | Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de]

Veröffentlicht in Rezensionen

2 Kommentare

  1. darf ich mal meckern? das bild ist von roger rössing 😉

    • akeuk akeuk

      danke, ist geändert!

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