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Einmal Weltall und zurück

Ein Abend für Peter Eötvös im Festspielhaus Hellerau

Ein runder Geburtstag und Sie wissen nichts zu schenken? Blumen und ein selbstgebackener Kuchen gehen ja immer. Aber was, wenn der Jubilar ein Komponist ist? Schenken Sie ihm eine Aufführung, es wird ihn glücklich machen. Peter Eötvös, Dirigent, Komponist und aktueller Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle hatte nicht nur dieses Glück zu seinem 75. Geburtstag zu genießen, er bekam gleich zehn Geschenke auf einmal an einem Abend. Denn das Orchester hat nun schon zum dritten Mal für seinen jeweiligen Residenzkomponisten einen Porträtabend ausgerichtet, der nicht kleckerte, sondern klotzte. Schon bei den ersten beiden Ausgaben, die Arvo Pärt und Sofia Gubaidulina gewidmet waren, zerschlugen sich schnell die durch traumatisierende Opernbesuche unhimmlischer Längen geprägten Bedenken: Was, vier Stunden, und dann auch noch neue Musik? – Nein, viereinhalb sogar! Und das Porträt, das diesmal in Kooperation mit dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau im Rahmen der kleinen Neujahrsreihe „Happy new Ears“ stattfand, war wunderbar gelungen, was man an den entspannten Gesichtern der Musiker ebenso erkennen konnte wie am warmherzigen Applaus des – übrigens zahlreich erschienenen – Publikums für den Komponisten Peter Eötvös eine halbe Stunde vor Mitternacht.

Robert Oberaigner und Jan Seifert (Klarinette), Ruslan Kratschkowski (Akkordeon), Kammerensemble der Staatskapelle Dresden, Leitung Petr Popelka

Eine kluge Mischung des Programms und natürlich die in diesem Konzert deutlich hervortretende Vielfalt der Ideen des Komponisten sorgte für die nötige Kurzweiligkeit. Eötvös Initiation zu einem neuen Stück kann sich an einer Textzeile in einem Roman ebenso entzünden wie an hochphilosophischen, auch physikalischen Ideen des „Großen Ganzen“ (also einmal Weltall und zurück). Und trotz immer wieder neu gefundener und erfundener Materialien, die durchaus avantgardistisch zu nennen sind bleibt der ungarische Dirigent, Komponist und Pädagoge stets in der Erfindung und im Umgang mit seinen Themen spielerisch. So wird gleich zu Beginn „Now, Miss“ für Violine und Cello ein Beckettsches Radiostück zum großen Instrumentaltheater, wenn es so intensiv interpretiert wird wie mit den Kapellmusikern Matthias Wollong und Simon Kalbhenn. Die Intensität zog sich durch den ganzen Abend, sie wurde aber nie schwerlastend oder zeitzerdehnend, weil jedes Stück, auch die eingestreuten Korrespondenzen anderer Komponisten, seine überraschende, eigene Charakteristik mühelos entfalten konnte.

Peter Eötvös

Da gab es Schmetterlingstänze am Klavier (Michael Schöch), die Wiederentdeckung der farbenreichen Musik von Domenico Scarlatti in der Spiegelung durch Eötvös oder auch ein Streichquartett von Igor Strawinsky, das ein eindrucksvolles Kleinod aus der Zeit der berühmten Pariser Ballettmusiken darstellt. Matthias Wollong steuerte gleich zwei Solowerke für Violine bei und konnte damit auch Eötvös sehr unterschiedliche Sprachideen demonstrieren. Mal sind das kleine Zellen, die sich auswuchern, dann wieder blockhafte Abschnitte oder eine sehr charakteristische Intervallarbeit. „Psy“ für Flöte, Viola und Harfe wurde zweimal gegeben und das nach innen gewendete Stück war wegen des Fehlens jeglicher Äußerlichkeiten wohl auch eines, das beim Hören besonderer Zuwendung bedurfte, während „Thunder“ für Pauke Solo (Manuel Westermann) genau diesen körperlichen „Zuschlag“ erst einmal thematisiert. Somit war eine Konstante des Abends auch, dass man immer wieder den nur vermeintlich einsamen Zustand eines Solos (Mensch mit Instrument) im Gegensatz zu einer Miteinander-Gegebenheit des Ensembles verfolgen konnte.

Nachdem mit der in seiner klanglichen Verschmelzung und atemberaubender Lebendigkeit äußerst spannenden „Levitation“ für zwei Klarinetten (Robert Oberaigner, Jan Seifert), Akkordeon (Ruslan Kratschkowski) und Streicher ein absoluter Höhepunkt des Abends gesetzt war, gab es nach einer Pause noch eine Late Night, die eine besondere Atmosphäre atmete. Zunächst öffnete Michael Schöch mit der späten As-Dur-Klaviersonate von Ludwig van Beethoven vorsichtig den Notennachthimmel, bevor dann der schon zuvor als Dirigent sich intensiv einsetzende Petr Popelka nun am Klavier mit Emi Suzuki im Duo in Eötvös bereits in den sechziger Jahren geschriebenen „Kosmos“ zu erleben war, und hier kreisten tatsächlich die Klaviergestirne im Raum. Von Beckett zum Hellerauer Sternenhimmel in viereinhalb Stunden, das ist vom Erlebnis her kaum überbietbar. Und wenn doch, dann vom nächsten Capell-Compositeur-Porträtabend, der hiermit wohl erstmalig und verdient Kultstatus erlangt hat.

Fotos (c) Marco Borggreve (Titel), Matthias Creutziger (2)

Veröffentlicht in Rezensionen

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