Springe zum Inhalt →

„… aber was?“

David Fray spielte die „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach in der Dresdner Frauenkirche

Mindestens seit Glenn Goulds kongenialer Eroberung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach auf dem modernen Konzertflügel genießen wir das meisterliche Werk mit großer Selbstverständlichkeit in heutigen Interpretationen mit diesem Instrument. Die Diskussionen bleiben natürlich und sind zumeist vom Geschmack bestimmt: geschrieben wurde das Stück indes für das zweimanualige Cembalo als Teil der „Clavier-Übung“. In den meisten Fällen geht aber ohnehin mit Ernsthaftigkeit an die Ausübung heran, wer die Noten dieses unumstrittenen Meisterwerks aufschlägt, denn ein Dilettieren verträgt diese Musik schon aufgrund des Schwierigkeitsgrades ebensowenig wie leider dennoch immer wieder versuchter Ausschlachtung in Bearbeitungen vom Bläserquintett bis hin zum Akkordeon.

Die vertrauende und gleichzeitig respektvolle Achtsamkeit mit den Noten war wohl das, was die Zuhörer am Sonnabend bei David Frays Interpretation in der Unterkirche der Frauenkirche Dresden am meisten schätzen durften. Der 37-jährige Franzose pflegt eine eigene, charakteristische Handschrift für die Werke von Bach und Mozart, die er am meisten schätzt und aufführt. Und die ist keinesfalls mit den Klischees eines französischen Musikmachens erschöpft, das ja irgendwie weicher, subtiler und womöglich noch gefühlvoller als hierzulande erscheine – so liest man es bisweilen.

Nein, solche Erwartungen wischt Fray mit den ersten Klängen der zu Beginn erklingenden Aria beiseite, die er wie eine Pforte, den Zutritt in ein neues Land behandelt: der Blick ist schon geweitet auf alles, was betrachtet werden wird. Trotzdem tritt Fray behutsam ein, fast ein wenig zart, aber mit erstaunlicher Klarheit. Damit ist die Reise begonnen, und sie ist extrem und existenziell: Bachs Goldberg-Variationen fordern den Interpreten wie den Zuhörer allein durch ihre Meisterschaft und es ist völlig legitim, dass man beim ersten Hören möglicherweise die Größe des Werks bemerkt, aber nicht alles bis ins Detail erfassen kann. Im barocken Zeitalter nannte man das „Gemüths-Ergötzung“. Heutzutage ist eigentlich schwer beschreibbar, was eine dermaßen gute Aufführung der Variationen wie am Sonnabend in der Summe eigentlich bewirkt und hinterläßt. David Fray versuchte sowohl die Charakteristika der einzelnen Stücke deutlich herauszuarbeiten, wie auch die Dreier-Struktur zwischen Charakterstück, Virtuosenstück und Kanon in einer Art Energiefeld zu erfassen, und ihm gelang das fast Unmögliche, dass sogar Verbindungen und Spannungen quer über das ganze Werk deutlich wurden, ohne dass man eigentlich erklären könnte, wie er dies geschafft hat. Oder war es doch Bach selbst?

In jedem Fall hat Bach in Fray einen klugen Meister gefunden, der sich unerschrocken diesem Gipfelwerk nähert, weil er vor allem zu musizieren und im besten Sinne auch zu unterhalten weiß. Das schließt eine feinsinnige Technik und Phrasierungsgabe ebenso ein wie ein absolut kluges Spiel mit dem niemals durchgedrückten Pedal, das er im Sinne einer schmalen Luftsäule behandelte, die die Musik trug, aber nicht erstickte. Die polyphonen Stimmen trennte Fray sauber und meist mit dynamischer Gleichbehandlung, die die Klarheit und Eigenheit der Stücke noch beförderte. Getanzt wurde in der Gigue, getrauert im großartig angefassten Adagio der 25. Variation, die Sechzehntel perlten munter und ganz selten einmal preschte Fray mit dem Kopf voraus, wo die Finger noch nicht ganz hinterher wollten.

Da aber bekam diese Aufführung der Goldberg-Variationen plötzlich einen unnachahmlichen Zug, ein Leuchten von Lust und Lebenskraft, das ganz in die Gegenwart wies. „Ist das nicht herrlich?“ möchte Fray uns fragen, und wir stimmen staunend zu. Am besten beschrieben werden kann die Größe der Musik mit den beiden Worten, die der Pianist an das Publikum nach gut achtzigminütigem, verausgabendem Klavierspiel auf die Bitte nach einer Zugabe richtete: „…aber was?“ Denn was soll nach diesem großartigen Bogen, der von der Aria über 30 „Veränderungen“ bis hin zu ihrer Wiederholung am Ende geschlagen wird, noch folgen? David Fray bedankte sich mit einem Choral für den Applaus, eine nochmalige, schöne Versenkung in Dankbarkeit an den Komponisten.

Foto (c) Jean-Baptiste Millot/PR

 

Veröffentlicht in Rezensionen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.