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Schwelgen und Grauen.

Mascagni und Puccini konzertant im Kulturpalast mit Marek Janowski

Dass der designierte Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (80), die Oper liebt, ist kein Geheimnis. Dass er an Opernhäusern bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr dirigiert, ist auch kein Geheimnis, denn mit dem Regietheater hatte er schon vor Jahrzehnten abgeschlossen. Doch von der Oper lässt der Dirigent nicht, und das beschert uns Zuhörern Musikabende mit zunehmendem Kultverdacht, denn was Janowski vor einigen Jahren in Berlin bereits konzertant mit den großen Opern von Richard Wagner anstellte (und auch in hervorragenden Live-Mitschnitten auf CD vorliegt), sprach sich auch bis Dresden herum. Und schon in seiner vorherigen Chefzeit bei der Dresdner Philharmonie hatte Janowski die konzertante Oper gepflegt. Nun, noch vor seinem Amtsantritt zur Saison 2019/2020 verwandelte er den Kulturpalast Dresden zum zweiten Mal in ein Opernhaus, nachdem er mit den Philharmonikern in der letzten Saison schon mit Carl Maria von Webers „Euryanthe“ für Begeisterung gesorgt hatte.

Am Freitag widmete er sich im Philharmoniekonzert zwei Einaktern des Verismo – mit der berühmten „Cavalleria Rusticana“ von Pietro Mascagni kombinierte Janowski das heutzutage sicher nicht weniger gespielte, aber doch nicht so populäre Drama „Il Tabarro“ von Giacomo Puccini. Und dabei ist gerade dieses Binnenschifferdrama der eigentliche Krimi auf der kulturpalastischen Opernbühne, wo Mascagni dann doch ein bisschen viel Bauerntanz und Katholizismus auffährt, aber auch das macht mit den Philharmonikern große Freude, denn die freuen sich sichtbar darüber, einmal diese ansonsten im Konzertbetrieb eben kaum gespielten Partituren auf dem Pult zu haben und nehmen auch die Herausforderung dankbar an – „hinlegen“ kann man diese Musik ganz sicher nicht, dafür ist sie viel zu virtuos komponiert, und zwar von beiden Komponisten, die mit diesen kompakten Meisterwerken auch absolut den Zeitgeist trafen.

Roxana Constantinescu, Melody Moore, Marek Janowski und die Dresdner Philharmonie

Bei Janowskis wachem und konzentriertem Anpacken der Partituren braucht es dann auch kaum spritzendes Kunstblut an der Rückwand oder Osterprozessionen im Dirndl. Hier ist keine Pro- und Contra-Diskussion führbar, denn natürlich machen beide Opern auch auf der richtigen Bühne Spaß. Doch konzertantes Spiel ist schlicht anders, und es kann ebenso herausfordernd sein, die inneren Bilder rein aus der Musik heraus beim Zuhörer entstehen zu lassen. Dazu bedarf es dann natürlich eines großen Spannungsbogens und plastischer Details, aber für die Blitzartigkeit der Herausarbeitung solcher Charaktere ist Janowski eben mehr als ein Fachmann.

Und wenn es auch nicht ganz die Scala war, der Publikumsjubel am Ende beider Opern hatte schon ordentlich italienisches Temperament. Er galt sowohl Janowski und dem Orchester als auch einem in der jeweiligen Rolle hervorragend besetzten Sängerensemble, das ordentlich Frische und Mut zur eigenen Gestaltung mitbrachte. Die US-Amerikanerin Melody Moore gestaltete die Hauptpartien der Giorgetta und Santuzza mit viel Herzblut für die Rollen und man nahm ihr die vielen geforderten Emotionen sofort ab. Stimmlich strahlte sie sowieso mühelos über das mit aufmerksamer Dynamik begleitende Orchester. Das gilt auch für den kernig timbrierten Tenor Brian Jagde (Luigi/Turridu), eine wirkliche Entdeckung, der im Kulturpalast auch gerne mal seine Arie im guten Sinne vollkörperlich „an die Wand“ singt, aber das verträgt der Saal – sogar Zwischenapplaus brandete im „Tabarro“ auf. Der Bariton Lester Lynch wiederum, der erst kürzlich im Strawinsky/Dallapiccola-Abend an der Semperoper begeisterte, zeigte viel Einfühlungsvermögen in die Rollen des Michele im „Tabarro“ und als Alfio in der Cavalleria.

Brian Jagde, Tenor

Toll, dass in Dresden sowohl die charaktervolle italienische Mezzosopranistin Elisabetta Fiorillo als Turiddus Mutter in der „Cavalleria“ zum Ensemble gehörte wie auch Roxana Constantinescu (Frugola/Lola) mit ihrem flexiblen Mezzosopran, der in der Höhe hell und stark klingt und in der Mittellage Eigenheit besitzt. Und auch die weiteren Rollen waren mit Simeon Esper, Khanyiso Gwenxane und Martin-Jan Nijhof sehr gut besetzt. Volkes Stimme übernahm der MDR Rundfunkchor (Einstudierung Jörn Hinnerk Andresen) mit guter Deklamation und präzise gesetzten Einwürfen. Die letzten orchestralen Messerstiche setzte Marek Janowski selbst und brachte beide Opern in der Bandbreite zwischen feinem Schwelgen etwa im Orchester-Intermezzo bei Mascagni und dem puren Grauen beim Öffnen des Mantels am Ende von „Il Tabarro“ in ihrer speziellen Klanglichkeit und mit einem guten Vorwärtsdrang in den Tempi zum Erfolg.

Fotos (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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