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Von Beethoven bis zu Reimann und den „Gurre-Liedern“

Sächsische Staatskapelle Dresden stellt Programm für die Saison 2019/2020 vor

Am 11. März stellte die Sächsische Staatskapelle Dresden in der VW-Manufaktur ihr Konzertprogramm für die Saison 2019/2020 vor. Chefdirigent Christian Thielemann wird saisonübergreifend zum Beethovenjahr 2020 einen Zyklus aller neun Sinfonien aufführen. Neue Capell-Virtuosin wird die argentinische Cellistin Sol Gabetta, der Capell-Compositeur wird der deutsche Pianist und Komponist Aribert Reimann sein.

Hätte man einen Komponisten mit der Vertonung der Spielzeit-Vorstellung der Sächsischen Staatskapelle Dresden beauftragt, es wäre ein Geschwindmarsch daraus geworden. Probenzeit des Orchesters contra Deadlines in der Presse sorgten wohl dafür, dass die Orchesterverantwortlichen in einem flotten Allegro-Tempo die Highlights der Kapell-Saison 2019/2020 vorstellten, einzig Chefdirigent Thielemann (59) erläuterte zu Beginn in aller Ruhe die eigenen Schwerpunkte seiner nunmehr achten Spielzeit in Dresden. Und die liegen – kein Wunder, wenn man die „Großen B“ der Musikgeschichte im Zusammenhang mit vor uns liegenden Jubiläen betrachtet, bei Ludwig van Beethoven, dessen neun Sinfonien Thielemann anlässlich des 250. Geburtstag des Komponisten zyklisch zusammenfassen wird: die Sinfonien Nummer 1-5 erklingen in zwei Sinfoniekonzerten der kommenden Saison, der Rest 2020/2021.

Chefdirigent Christian Thielemann

Die Absicht dieser von anderer Musik nicht kommentierten oder kontrastierten Zusammenstellung reiner Beethoven-Abende erklärte er gleich selbst, es sei beispielsweise hochspannend, einmal in einem Konzert den gewaltigen Schritt von der 1. zur 2. Sinfonie wahrzunehmen. Zudem öffne für Thielemann Beethoven die Tür zur Zukunft, und man kann sich auch weitere Konzerte der kommenden Saison, etwa mit Mendelssohn- (in den Aufführungsabenden) und Schumann-Schwerpunkten mit Beethovenbezug vorstellen, während der Dirigent Omer Meir Wellber im Palmsonntagskonzert Beethovens C-Dur-Messe auf Bach rückbeziehen wird, dessen Teile aus der „Kunst der Fuge“ neben der bekannteren Webern-Bearbeitung in drei neuen Arrangements erklingen werden, darunter eines von dem jungen Dresdner Komponisten Maximilian Otto. Neben Beethoven und Schumann sowie – nach dem diesjährigen Neujahrsausflug zu den Wiener Philharmonikern – der Rückkehr zum Silvesterkonzert, das mit Auszügen von Franz Lehárs „Land des Lächelns“ erneut der Operette gewidmet sein wird, hat Thielemann ein spätromantisches Monumentalwerk der Musikgeschichte auf das Programm gesetzt: Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“ erklingen im 8. Sinfoniekonzert mit einem hochkarätigen Solistenensemble – zuletzt hatte sie Giuseppe Sinopoli 1995 interpretiert.

Sol Gabetta

Im Schumann-Abend begegnet Thielemann auch der neuen Capell-Virtuosin, es ist die weltweit gefeierte argentinische Cellistin Sol Gabetta, auf deren Interpretation der großen Konzerte von Saint-Saëns, Schumann und Schostakowitsch man ebenso gespannt sein darf wie auf ihr Kammermusik-Recital. Capell-Compositeur wird in der kommenden Saison der hoch geschätzte und an der Semperoper im Musikthater schon mehrfach aufgeführte Berliner Komponist Aribert Reimann (83) sein, der vor allem mit Werken vorgestellt wird, die sich referentiell mit der Musikgeschichte auseinandersetzen, so etwa in den „Schumann-Fragmenten“ im 10. Sinfoniekonzert, geleitet von Christian Thielemann. Einen dreiteiligen Porträtabend zu Aribert Reimann veranstalten die Kapellisten im Festspielhaus Hellerau – von der Atmosphäre und Format des in diesem Jahr Peter Eötvös gewidmeten Konzertes zeigten sich Publikum und Musiker ja gleichermaßen begeistert.

Neuer Capell-Compositeur: Aribert Reimann

Nach krankheitsbedingten Absagen des Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung darf sich das Publikum 2019/2020 auf gleich zwei Konzerte mit dem koreanischen Dirigenten freuen: im 11. Sinfoniekonzert musiziert er Tschaikowsky und Dvořák, und zur Saisoneröffnung wird er ein Doppelprogramm mit Brahms, Weber, Enescu und dem unter Musikern liebevoll „Rach3“ genannten, dennoch hundsgemein schweren Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Rachmaninow dirigieren – Yuja Wang übernimmt den Solopart, anschließend geht das Orchester mit Chung auf Festival-Tournee durch Europa. Ein besonderer Blick lohnt im Konzertkalender auf das Gedenkkonzert zum 13. Februar, das zum 75. Jahrestag des Ereignisses im Jahr 2020 vom britischen Dirigenten Daniel Harding geleitet wird, und zwar mit Gustav Mahlers 10. Sinfonie in der Vervollständigung von Deryck Cooke und einer Trauermusik von Henry Purcell, was mit Sicherheit eine ungewohnte Sichtweise musikalischer Art auf den Gedenktag darstellen wird.

In den Sinfoniekonzerten werden die Zuhörer außerdem „üblichen Verdächtigen“ begegnen, wobei dies unbedingt im positiven Sinne der Fortsetzung einer erfolgreichen Zusammenarbeit oder eben mit neuen Sichtweisen bekannter Künstler gemeint ist. Freuen darf man sich da unter anderem auf Instrumentalisten wie Krystian Zimerman und Leonidas Kavakos oder Dirigenten wie Alan Gilbert, David Robertson (mit Bartóks konzertantem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ mit Elena Zhidkova und Matthias Goerne), Philippe Herreweghe (mit Mozarts drei letzten Sinfonien im Kulturpalast im Sonderkonzert), Tugan Sokhiev, Herbert Blomstedt und Daniele Gatti, letzterer trotz der jüngsten Diskussionen und MeToo-Vorwürfe um seine Person „ein gern gesehener Gast am Pult der Staatskapelle“, so Orchesterdirektor Jan Nast auf Nachfrage.

Anett Baumann, Mitglied des Orchestervorstandes, berichtete von einer sehr erfreulichen Entwicklung der Giuseppe-Sinopoli-Akademie, der Nachwuchsorganisation des Orchesters und verkündete nicht ohne Stolz, dass die bisherigen Absolventen in der Orchesterlandschaft allesamt ein berufliches Zuhause gefunden hätten, außerdem sei die Akademie derzeit voll besetzt. Cellist Friedwart-Christian Dittmann gab außerdem einen Überblick über die von der „Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle“ im Verein eigenveranstalteten Aufführungsabende und Kammermusiken, bei denen Konzertmeister Matthias Wollong als Dirigent unter anderem eine Uraufführung von Aribert Reimann präsentieren wird. Als weitere Dirigenten sind Thomas Guggeis, Bruno Weil und Duncan Ward vorgesehen, aus den Reihen der Kapelle stellen sich als Solisten Jonathan Nuss (Posaune), Florian Richter (Viola) und Victor Osokin (Kontrabass) vor. Fortgesetzt wird ebenso der zwanglose Musik-Kneipen-Abend „Ohne Frack auf Tour“ in der Dresdner Neustadt (14. Mai 2020) und die Neue-Musik-Initative Kapelle21 mit Werkstattkonzerten. Das im ZDF übertragene Adventskonzert wird erstmals die aus Mexiko stammende Dirigentin Alondra de la Parra leiten, und auch das Kapell-Geburtstagskonzert wird es in der kommenden Saison geben – der Alte-Musik-Spezialist Ton Koopman wird dabei in Werken von Heinichen und Haydn sein Debüt am Pult des Orchesters in der Semperoper geben.

  • Das Programm ist bereits online auf http://www.staatskapelle-dresden.de/ veröffentlicht. Die Saison 2019/2020 wird parallel zum traditionellen Gastspiel des Gustav-Mahler-Jugendorchesters, diesmal mit Herbert Blomstedt am Pult, mit dem 1. Sinfoniekonzert am 31. August 2019 eröffnet, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Fotos (c) PK (2): Oliver Killig, Aribert Reimann: dpa, Sol Gabetta: Julia Wesely

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