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31. Filmfest Dresden – eine Nachlese

Sie ist leicht verspätet, diese persönliche Nachlese, aber es ist mir auch ein Anliegen, meine Eindrücke noch einmal in einem Artikel zusammenzufassen. Es tut mir gut, mich nicht nur in den Genres aufzuhalten, die ich kenne oder zu kennen meine. Endlich ergab sich dieses Jahr für mich die Gelegenheit, das Filmfest Dresden aufzusuchen, und obwohl ich schon viele Jahre in Dresden lebe, hatte ich den Festivalbesuch nie wirklich geschafft – von Auswahlprogrammen etwa bei den Filmnächten am Elbufer abgesehen. Dafür lautete mein Anspruch, dass ich in der Festivalwoche möglichst viel anwesend bin, was ich zum 31. Filmfest vom 9.-14. April dieses Jahres tatsächlich geschafft habe – und doch nicht. Denn das Programm ist derart vollgepackt, dass man als Dresdner mit anderen Verpflichtungen gar nicht alles wahrnehmen kann. 18.000 Besucher kamen dieses Jahr, Preise für 67.000 € wurden vergeben, 500 Filmschaffende und Professionals waren anwesend.

Immer wieder schön – der Festivaltrailer von Robert Loebel:

31. Filmfest Dresden Trailer from robert loebel on Vimeo.

Der Vollkonsum des Festivals würde schnell eckige Augen hervorrufen, also konzentrierte ich mich (eine ausgeklügelte Logistik ist trotzdem notwendig) auf machbare Tageszeiten und Programme, wobei bei mir die Wettbewerbe ganz klar im Mittelpunkt standen. Den vielen Spezialprogrammen, dabei u. a. eine Derek-Jarman-Hommage, ein Kuba-Schwerpunkt und Filme zum Thema animierte Malerei – wobei ich da auch nicht an allen (Fach-)Veranstaltungen interessiert war – hätte ich mich eingehender widmen müssen, dann hätte ich aber die Wettbewerbe verpasst. Am Ende wurden es 8 Blöcke Wettbewerb (vier im Nationalen, vier im Internationalen, Empfehlungen wie „Tutorial“ und „Der Proband“ verpasste ich leider) sowie eine Sonderveranstaltung, welcher ich per Losgewinn beiwohnen durfte: das „Random Home Cinema“, das heißt kochen/essen & Filme gucken mit wildfremden netten Menschen irgendwo in einem Dresdner Wohnzimmer – ein Vorbild gab es beim Filmfestival in Poznań – es war vielleicht die schönste Idee des Filmfests und sollte unbedingt wiederaufgelegt werden.

Ich selbst bin ja nicht kurzfilmunaffin, eine Verbindung zum Internationalen Bochumer Videofestival samt motivatorischer Begleitung dieser oder jener Produktion mündete unter andem in ein Orchesterstück, das auf einem dort gezeigten Kurzfilm über Flamingos basierte, zudem wirkte ich in einem ebenfalls in Bochum in der Auswahl präsentierten Videofilm der Dresdner Künstlergruppe „Schichtwechsel 01“ selbst mit, an verantwortungsvoller Position als 3. Astronaut… (mehr dazu auf Anfrage) Daher war ich sehr gespannt, was beim 31. Filmfest unter 1500 Einsendungen ausgewählt wurde. Mein höchster Respekt gilt hier wie damals in Bochum den Sichtungskommissionen, die sich alles, aber auch alles ansehen und dann auch noch schwere Entscheidungen gemeinsam zu fällen haben. 47 Filme waren es im Internationalen Wettbewerb, 29 im Nationalen.

Sealand – eine spannende Geschichte und eine ganz eigene phantasievolle Bildwelt.

Dresden verwandelte sich in dieser knappen Woche in eine richtige Filmstadt: auf dem Neumarkt gab es eine entspannte – wenn auch dieses Jahr noch wetterkühle – Kurzfilmlounge, alle Programmkinos zeigten fleißig die Sonderprogramme und Wettbewerbsfilme, und Events zu Musik, Talks und Diskussionen fanden an weiteren Orten statt: als Filmverrückter darf man auch ein bisschen mobil sein und die auswärtigen Besucher lernen die Stadt so am besten kennen. Schließlich galt es auch, etliche Stunden im Kinosessel mit Bewegung auszugleichen. Doch die haben sich für mich zumindest gelohnt, auch wenn meine Erwähnungen hier natürlich sehr persönlich ausfallen, und ich glaube, ich habe auch nur knapp die Hälfte der späteren Preisträger überhaupt gesehen, andersherum fand ich meine Favoriten nicht unbedingt in der Verleihung wieder…

Auffällig und wichtig zu bemerken fand ich, was vermutlich für die Filmschaffenden von der Innensicht her eine Selbstverständlichkeit ist: das Filmfest Dresden lebt vom Nachwuchs. Vor allem im Nationalen Wettbewerb tummeln sich viele Studenten mit Themen- und Abschlussarbeiten oder (seltener, weil auch schwieriger auf die Beine zu stellen) diametral zu den Hochschulaktivitäten entstandenen Projekten. Da tut sich natürlich immer die Frage auf, inwieweit solche akademische Laufbahnen und Fördersysteme bestimmte Stile, Ideen, Umsetzungen befördern oder begrenzen. Freimütig erzählen manche Filmemacher dann, dass ihr Projekt „in anderthalb Tagen konzipiert und geshootet“ wurde, während andere (beeindruckend: „Der Tod des Filmemachers“ von Cornelius Koch) vier Jahre an einem Film sitzen und immensen Aufwand betreiben – das Herzblut ist entscheidend. Und das war in fast allen Beiträgen spürbar, von wenigen Ausrutschern wie „Kolory Listopada“ abgesehen.

Interessanterweise waren die Programme beim 31. Filmfest so zusammengestellt, dass man nach sechs Filmen zwischen Lachen und Weinen, Verstörung und Jubel, Poesie und Überforderung so ziemlich alles an Gefühlswelt angetickt hatte – sprich: es war äußerst abwechslungsreich. Irgendein Block, den ich nicht gesehen hatte, muss dann wohl doch insgesamt etwas ernster gewesen sein, wie sich auch manchmal in den von mir gesehenen Blöcken irre Querverbindungen auftaten. Da war man schon dankbar für die kurze Pause in den barrierefreien Vorstellungen, in der Gehörgeschädigten der Inhalt des nächsten Films vorgelesen wurde – das Filmfest Dresden ist inklusiv und nimmt diese Aufgabe auch sehr ernst, auch Gebärdendolmetscher sind anwesend. Für mich dann Zeit zum Durchatmen also, etwa nach dem später auch prämierten kanadischen Film  „Fauve“, in dem aus dem Spiel zweier Jungen ein nicht mehr umkehrbarer Ernst wird oder nach „Im Rauschen“ von Simon Schneckenburger, in dem ein Junge einen besonderen Kontakt zu seiner verstorbenen Mutter hält.

Beinahe „Fenster zum Hof“: Accidence von Guy Maddin

Im weiteren werde ich einige Filme hier etwas unzusammenhängend aufzählen, damit das nicht ganz ausufert – ich könnte noch einmal eine Woche hier mit Schreiben über das Gesehene verbringen… – Die in diesem Jahr prämierten Filme sind sowieso online einsehbar, in der Kurzfilmnacht im Sommer wird man einige Highlights ebenfalls sehen können. Etwas gewundert hat mich die Preisstruktur – während die Goldenen Reiter von Sponsoren her mit vierstelligen Beträgen konnotiert sind, gibt es einen Preis der Kunstministerin, der gleich mit 20.000 € dotiert ist, aber eben auch eine Förderung einschließt. Darum sei hier „Nicht im Traum“ von Astrid Menzel auch explizit erwähnt, denn diese feine, gleichsam persönlich distanzierte und schonungslose Beobachtung eines alternden Ehepaars fand ich ebenfalls preiswürdig. Weitere spätere Preisträger, die ich im Programm sah, waren „Iktamuli“ von Anne-Christin Plate, „Fuse“ von Shahi Adib, „Sealand“ von Till Giermann, der schwedische Film JUCK und Fest von Nikita Diakur – mit Sealand und Iktamuli waren auch zwei regionale Produktionen unter den Preisträgern.

Beeindruckt hat mich in seiner Technik, Konsequenz und auch in der Musikebene „Gimny Moskovii“ von Dimitri Venkov (hier ein Ausschnitt), der wie eine Meditation wirkt und tatsächlich etwas Hymnisches entwickelt – es ist immer noch mein Favorit im Filmfest. Andere Filme vor allem im Internationalen Wettbewerb hinterließen Fragen bei mir, weil die Kulturen oder Themen dieser Filme mich nicht direkt betrafen oder ansprachen oder man ohne weiteres Wissen die Filme allein nicht verstehen konnte, höchstens ein wenig erfühlen. Das betraf etwa „The Imminent Immanent“ von Carlo Francisco Manatad, „Madness“ von Joao Viana (einer der wenigen afrikanischen Beiträge) oder „Azul Vazante“ von Julia Alquéres.

einer meiner Favoriten: Gimny Moskovii von Dimitri Venkov

Als absolut unterhaltsam erwiesen sich für mich „Cyclists“ von Veljko Popovic (hier komplett bei arte), „Nachtschicht“ von David Dybeck und „Na Zdrowie!“ (Bless You!) von Paulina Ziolkowska, hingegen gab es auch völligen Trash wie „Lavo“ von Sasha Svirsky – vielleicht war ich da auch in der falschen Humorzone unterwegs (bitte lachen Sie jetzt) Berührt hat mich „Fuego Mudo“ der Argentinierin Agustina Sánchez Gavier in der kompromisslosen Bildsprache – sie zeigt eine Mutter auf der Suche nach ihrem Frausein in Konfrontation mit der Natur. Hingegen hat mir „F for Freaks“ von Sabine Ehrl in seiner Eindringlichkeit und Verstörung Angst gemacht, aber genau deswegen muss ich den Film feiern, weil damit bei mir etwas angetickt wurde, ein Michbetreffen, was kaum ein anderer Film ausgelöst hat. Glück hatten viele Filmemacher auch bei ihren Casts, hier war es etwa die großartige Ursula Werner, bei „Ohne Euch“ von Hannah Martin Boris Aljinovic oder Entdeckungen wie Liv Clasvogt in „Rot, Rot, Rot“ von Jade Li – einer von vielen Filmen, die Adoleszenz und Beziehungen in den Mittelpunkt stellten, mehr oder minder erfolgreich, denn manches wirkt dann im Kurzfilmkontext zu gewollt oder findet keine eindeutige Handschrift für die Botschaften und Geschichten, die erzählt werden. Komischerweise arbeiteten sich nur wenige am Scheitern ab, stattdessen wirkt gerade der letztgenannte Film wie designt.

Und schließlich gab es auch noch Filme, die ich eher unter dem Aspekt Kunst einordnen würde, allerdings kaum weniger inspirierend oder anregend wie alle anderen. „Debris“ von Keitaro Oshima wäre als Extrembeispiel zu nennen: ein Film komplett aus Resten und Schnipseln, sozusagen „Filmmüll“ zusammengestellt, in völlige Bildüberforderung mündend, der gesundheitliche Warnhinweis musste im Voraus gegeben werden – übrigens von einem überaus kompetenten wie jederzeit entspannten Moderatorenteam. „Accidence“ von Guy Maddin (Trailer) mit der alten „Fenster zum Hof“-Idee würde ich auch in diese Reihe sortieren, es war ebenfalls eine Meditation, diesmal aber aus Menschen und ihren Querverbindungen von Balkon zu Balkon. Dagegen entstand „Juste Avant La Fonte“ von Ève Tayac komplett auf eingravierten Eisblöcken, Frame by Frame – Material und Technik entwickeln sich auch im digitalen Zeitalter spannend weiter. Wirkliche Experimente wie dieser Film waren jedoch eher dünn gesät, ein Zugeständnis an die Buntheit bei der Auswahl? Leider war es mir nicht vergönnt das Extra „Seriously?! WTF“ im Thalia zu schauen, wo vermutlich solche Produktionen einen Platz bekamen.

Mein Musikinteresse war diesmal eher im Hintergrund aktiv, „O Jezu“ bekam den Filmton-Goldenen Reiter, ohne dass ich ihn gesehen habe. Bei Venkovs Film ist der Soundtrack schlichtweg genial, und auch bei „Nicht im Traum“ ist die Klangebene sehr achtsam ausgearbeitet. Sabine Ehrl schockt mit einer Ravel-Irreführung aus dem Autoradio, andere finden eher unauffälliges Sounddesign in ihren Filmen, und der einzige Film, der mit Übetraumata ein explizit musikalisches Thema hatte, „Musicke Traume“ aus Serbien, erreichte mich in seiner verspielten, an der ernsten Idee vorbeigebastelten Sprache überhaupt nicht.

Für dieses Jahr genug. Wer weiterschauen will, sollte auf die Kurzfilmzusammenstellungen dieses Filmfestes achten, etwa bei den Filmnächten. Oder die umfangreiche Homepage durchstöbern. Oder einfach zum 32. Filmfest 2020 erscheinen. Es lohnt sich.

 

 

Veröffentlicht in Dresden Rezensionen Weblog

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