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Liebevoller Ligeti, glutvoller Brahms

Mirga Gražinytė-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra bei den Dresdner Musikfestspielen

Das ist Intendant Jan Vogler auch noch nicht passiert, dass er am zweiten Tag der Musikfestspiele zum Mikrofon greifen muss und dem verständlicherweise raunenden Publikum einen doppelten Solistenausfall verkünden muss: für die Tourneeauftritte des City of Birmingham Symphony Orchestra hatte erst die Pianistin Yuja Wang abgesagt, dann auch kurzfristig die eingesprungene Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Der Retter des Konzertabends am Donnerstag im Dresdner Kulturpalast hieß Kit Armstrong und statt Prokofieff und Tschaikowsky erklang nun das Klavierkonzert von Robert Schumann. Der 27-jährige US-Amerikaner Armstrong hatte zudem einen kleinen Übebonus, da er bereits am Abend zuvor beim Konzert des Orchesters in Stuttgart ebenfalls am Klavier saß.

Kit Armstrong nimmt den Applaus entgegen.

Doch zunächst begann das Dresdner Gastspiel eines der innovativsten und spannendsten Orchester Großbritanniens ganz regulär und sensationell gut: Die 32-jährige Litauerin (wer versteckt eigentlich überall in den baltischen Staaten diese wunderbaren musikalischen Gene?) Mirga Gražinytė-Tyla ist seit 2016 Chefin des traditionsreichen Orchesters und feiert damit zu Hause und weltweit Erfolge. Ihre mitreißende, völlig in der Musik aufgehende Art, die zwar immer mit ganzem Körper ausgedrückt ist, aber nirgends überzogen oder theatralisch ist, sorgte für eine nur liebevoll zu nennende Interpretation von György Ligetis in jüngster Zeit zum Lieblingsstück vieler Orchester erklärten Frühwerk „Concert Românesc“, ein lebhaftes Tanz- und Volksliedpanorama. Hier war schon offensichtlich, dass die Briten den Kulturpalast-Konzertsaal in der Probe bereits für sich erobert hatten, denn die Holzbläser trauten sich ein wunderbar tragendes Pianissimo, die Hornrufe von draußen und drinnen erschienen unwirklich schwebend, der Schluss: ein reiner Spaß.

Mirga Gražinytė-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra

Mirga Gražinytė-Tyla nutzte dann die Umbaupause, um sympathische Werbung für ihr Orchester, dessen Tour und das 100-jährige Jubiläum im Jahr 2020 zu machen – statt Brexit also ein „auf nach Birmingham“, agreed! Lob für den tollen Dresdner Konzertsaal gab es von Gražinytė-Tyla natürlich auch – vielleicht gibt es also auch hier ein Wiederhören mit der charismatischen Dirigentin. Im Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann suchte das Orchester dann mutig den inspirierenden Dialog mit Kit Armstrong, der über eine registerreiche Klangkultur verfügt, aber auch in den Ecksätzen schlicht Spaß an der von Schumann komponierten Fingerfertigkeit zeigte. Wunderbar pulsierend gelang ihm der zweite Satz. Flotte Passagen über die ganze Tastatur im 3. Satz spielte er aus einer stilsicheren Ruhe heraus, nur hier und da wirkte das zu akademisch studiert oder wie im Fall des Auspendelns des 2. Satzes mit etwas verlorenem Halt in der Langsamkeit. Seine Zugabe führte mit einem Stück von Giles Farnaby in Shakespeares Zeiten und damit in die Anfänge der Instrumentalmusik zurück, den Klang des zur damaligen Zeit zur Verfügung stehenden Virginals dachte man sich dazu.

Nach der Pause brillierten Mirga Gražinytė-Tyla und das City of Birmingham Symphony Orchestra mit einer glutvollen Interpretation von Johannes Brahms‘ 2. Sinfonie D-Dur. Nach der wunderbar warm musizierten Einleitung des 1. Satzes war die Interpretation von der immer wieder alle Energien freisetzenden Motivierungen von Gražinytė-Tyla bestimmt. Sie entlockte dieser sonst meist im Lichte stehenden Sinfonie interessante dunkle und matte Farben und wählte dazu flüssige, ihre Musiker aber fein zum Ausspielen anregende Tempi. Wie man etwa an einem freigelegten, sehr schön timbrierten Einsatz der Blechbläser im 3. Satz erkennen konnte, feierte sie lediglich mit Können Partitur und Komponist, und das Orchester ging in spürbarem Sinn für das in jedem Takt präsente Gemeinsamtun aller zauberhaft mit ihr mit, so dass sogar die Finalsteigerung eine grandiose Würde bewahrte. So einfach kann Musik sein.

Fotos (c) Oliver Killig

 

 

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