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Auf den Haydn gekommen

Lucas Debargue und Bertrand de Billy im Philharmonie-Konzert

Dass man im sinfonischen Konzertleben keineswegs immer die volle Besetzung und das Spektakel auffahren muss, um ein eindrückliches Erlebnis zu erzeugen, ist sicher den Konzertgängern bekannt, aber es lohnt sich, diese Wahrheit auch ab und an zu bestätigen. Das gelingt zumeist am besten, sobald ein Werk von Joseph Haydn auf dem Programm steht und sich möglichst Menschen auf der Bühne versammeln, die sich seiner Musik ernsthaft annehmen. Und siehe da, der gute Vater der Sinfonie, 104 gezählte Exemplare der Gattung hat er niedergeschrieben, nahm auch neben französischer Musik der Romantik und des 20. Jahrhunderts einen guten Platz im Konzert der Dresdner Philharmonie am Freitag ein – überhaupt ist die Philharmonie in dieser Saison „auf den Haydn gekommen“, was gleichermaßen für die Spielkultur wie für das Erbauung des Publikums zuträglich ist.

Noch dazu verstand es der Dirigent Bertrand de Billy, der die Philharmonie ja vier Jahre als Erster Gastdirigent vor allem in der Zeit des Interims treu begleitet hat, die unterschiedlichen Klangwelten mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Herausforderung zur Präzision zu verbinden. Mit dem neuerlichen Gastspiel von de Billy im Kulturpalast verbindet sich auch seine kontinuierliche Vorstellung sinfonischer Werken des 2013 verstorbenen französischen Komponisten Henri Dutilleux. Und ähnlich wie Haydn vermag Dutilleux in der Reduktion auf das Wesentliche die Ohren zu schärfen. So klingt das Cimbalom in seinem 1989 entstandenen Orchesterwerk „Mystère de l’Instant“ hier nicht wie aufgesetzte Folklore, sondern absichtsvoll wie ein zusätzliches Register des Streichorchesterklangs, der hier in zehn „instanten“ Augenblicken vielfach aufgefächert wie ein lebender Organismus erscheint. In der konzentrierten und auch im Orchester mit gespitzten Ohren für die Nachbarn musizierten Aufführung war die zweite Werkhälfte zwingender gestaltet, eine Perfektion jedoch wäre dem im Augenblick entstehenden, individuellen Naturklang abtrünnig gewesen.

Lucas Debargue , Bertrand de Billy

Zwischen Haydn und Dutilleux stand eine echte Rarität der romantischen Konzertliteratur: dass Camille Saint-Saëns überhaupt fünf Klavierkonzerte geschrieben hat, wird leicht übersehen, da meist nur das effektvolle zweite gespielt wird. Der junge Franzose Lucas Debargue hatte nun eben das letzte der Konzerte, Nr. 5 in F-Dur mitgebracht, das so genannte „Ägyptische Konzert“. Es ist ein seltsam vergessenes Stück, dessen Melange aus dem Postulat einer nationalen Tonkunst samt exotischer Manierismen den einen oder anderen Interpreten doch bislang abschreckt hat – die spannendste Aufnahme allerdings stammt ausgerechnet von Sviatoslav Richter. Doch der Hauch des Trivialen, der Reiz des Fremden und nicht zuletzt die brillante Instrumentationskunst von Saint-Saëns beschert einem dann doch ein vergnügliches Erlebnis, wenn sich gleichzeitig so ein famoser Pianist wie Debargue um den Solopart kümmert. Zunächst rettete er die etwas bemüht komponierten Noten des 1. Satzes mit kluger Phrasierung und brannte dann im zweiten Satz ein wahres Feuerwerk an sehr behutsam gesetzten Klangfarben ab, so dass man nur noch staunte und Saint-Saëns am liebsten nochmal fragen wollte, ob er diese schönen Momente tatsächlich geschrieben hat. Debargue kehrte im dritten Satz samt Komponist nach Frankreich zurück und sorgte mit den auch vom Orchester gut ausbalancierten Steigerungen für ein vom Publikum sodann bejubeltes, emotionales Finale des Konzerts. Anschließend stellte Debargue als Zugabe mit der leise und schlicht fließenden „Nostalgie du Pays“ des polnischen Komponisten Milosz Magin eine weitere Rarität vor.

Wenn es nach der Pause noch einen Beweis brauchte, warum die Tonart Es-Dur so oft Prunk und Pracht in die Musik bringt, so war dies mit der Aufführung der 103. Sinfonie von Joseph Haydn erbracht. Den Beinamen „Mit dem Paukenwirbel“ verdient sich das Stück durch seine ersten für den Pauker freigegebenen Takte, die Paukist Oliver Mills gottlob nicht als barocke Militärmusik überhöhte, stattdessen wahrte er mit knapper Fanfare und Wirbel den Intradencharakter – Haydn hätte diese Lösung sicher gefallen. Bestgelaunt und mit schlankem, aber zupackend gestaltendem Klangduktus führte Bertrand de Billy durch die vielen Schatzkisten dieser am Ende lebensfroh wirkenden Partitur, am schönsten gelang dabei die ruhig-bestimmte Pulsation des zweiten Satzes.

* Das Konzert wurde von arte concert aufgezeichnet und gesendet. Es ist noch bis zum 9.8.2019 hier ansehbar.

Fotos (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

Ein Kommentar

  1. das war ein tolles konzert – wir haben es diesmal im arte-livestream gesehen. das klavierkonzert hat mir ausnehmend gut gefallen!

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