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Auf Dämpferfahrt mit Pierrot

Schönberg-Aufführungsabend bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Nach der umfangreichen Widmung, die die Musik der so genannten zweiten Wiener Schule um Alban Berg, Arnold Schönberg und Anton Webern bei der Staatskapelle Dresden durch Giuseppe Sinopoli in den 90er Jahren erfahren hatte, tauchten diese Komponisten über einen längeren Zeitraum nur noch selten in den Programmen auf. Über die Residenzen der Capell-Compositeure ist aber in den letzten Jahren innerhalb des Orchesters wieder eine stärkere Affinität und Lust an der Interpretation von Gegenwartsmusik entstanden, die zu der Initiative „kapelle 21“ führten, an der der Kapell-Kontrabassist und Dirigent Petr Popelka dramaturgisch wie auch als ausführender Musiker maßgeblich beteiligt ist.

Wenn man solche begeisternden Abende wie das Porträt von Peter Eötvös in Hellerau erlebt hat, lohnt der Blick zurück auf Schönberg erst recht, denn dieser ist immer erhellend zum Auffinden von Kontexten und Ursachen neuester Kreationen. Schönberg waltete um die vorletzte Jahrhundertwende komponierend an verschiedenen Nahtstellen einer Gesellschaft, die sich nicht zu Unrecht in einem „fin de siècle“ wiederfand, gleichzeitig aber auch den Aufbruch und das unbekannte Neue erprobte. Zwei Schlüsselwerke Schönbergs erklangen nun im 3. Aufführungsabend der Staatskapelle am Montagabend in der Semperoper und zogen ein interessiertes, aufmerksames Publikum an.

Petr Popelka

Kein Beiwerk, kein verlegenes Kontraststücklein zierte das Programm, und das war gut so, denn mit „Verklärter Nacht“ und dem Melodram „Pierrot Lunaire“ sind Ohr und Geist einigermaßen ausgelastet, zudem kann man auch noch quasi innerorts mondnächtige Verknüpfungen bilden: war der freie Schönberg mit seinem „Pierrot“ wirklich radikaler? Immerhin empörte man sich zu seinem Streichsextett „Verklärte Nacht“ ja des obszönen Gehaltes wegen, und Richard Dehmels Gedichte dürften damals einen ähnlichen Stellenwert gehabt haben wie verschämt unter dem Ladentisch verkaufte Blättchen. In der Semperoper allerdings erhielt das Stück noch eine ganz andere Fasson, nämlich ein lustvolles Kreieren eines werkspezifischen Klangs.

Petr Popelka sorgte zwar auch für guten emotionalen Zugriff, aber noch faszinierender war die an jedem Pult verantwortlich erzeugte Klangarbeit. Damit wurde die Partitur tatsächlich in einen Grenzbereich zwischen Wagner und der Moderne verortet, ohne in Kitsch oder Wiener Blattgold abzugleiten. Die Kapelle versuchte sogar den fragilen Klang der polyphonen Dämpferfahrten zu erden, was den tieferen Instrumenten in der Homogenität etwas besser gelang als den Geigen.

Erneute positive Überraschung dann nach der Pause: von Aufführungen des wundersamen Monodrams „Pierrot Lunaire“ ist man einiges gewohnt – finden sie denn überhaupt einmal statt, denn das ist ja ohnehin viel zu selten der Fall. Selten jedoch beeindruckte eine solche Zurücknahme und Konzentration auf Musik und Partitur wie hier, da die in solchem Terrain absolut vertraut agierende Sängerin Sarah Maria Sun mit Popelka einig schien, sämtlichen Ausdruck aus dem Schönberg-Werk selbst zu generieren, und zwar gemeinsam mit den fünf anderen Musikern auf der vom Komponisten angestrebten Augenhöhe und ohne hinzugefügte performative Elemente.

Die starke Präsenz von Sun und Popelka samt der Kapellmusiker Dóra Varga-Andert (Flöten), Christian Dollfuß (Klarinetten), Holger Grohs (Violine/Viola), Friedwart-Christian Dittmann (Cello) und Jan-Arvid Prée (Klavier, als Gast) formte die Aufführung mit einem leicht schwingenden Ernst, und so wurde Distanz und Eindringen des Theatralischen in leisesten Nuancen erst möglich gemacht. In jedem neuen Satz fügte sich dabei die Intensität des bereits Musizierten hinzu, so dass der dritte Sieben-Teil der Gedichte fast von selbst seine Hochspannung erhielt. Sechs mondfarbene Pierrots also, mit Popelka sogar sieben, und der poetische Raum blieb für den Zuhörer offen: O alter Duft – aus Märchenzeit!

Fotos (c) Matthias Creutziger

 

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