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Farbenmusik und Herzensstück

 

Gastspiel des Orchesters des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev bei den Musikfestspielen

Bereits 2017 gastierte das Orchester des Mariinsky Theaters St. Petersburg zu den Musikfestspielen, kurz nach der Eröffnung des neuen Saals im Kulturpalast. Damals gab es ein Programm mit Wagner und Schostakowitsch, diesmal war das Orchester mit seinem Chefdirigenten Valery Gergiev im Rahmen des Kulturfestivals „Russian Seasons“ zunächst im Konzerthaus Berlin zu Gast, bevor am Mittwoch das Gastspiel im Kulturpalast stattfand. Auf dem Programm in Dresden stand ausschließlich russische Sinfonik, sozusagen das Herzrepertoire, für das das Orchester weltweit gerühmt wird.

Mit einem Tschaikowsky-Gen ist ja ohnehin jeder russische Musiker von kleinauf ausgestattet; bei Skrjabin dürfte sich das schwieriger ausnehmen, weil dieser, verkürzt gesagt, Wagner, die französischen Impressionisten und die russische Musiktradition mit philosophischen Ideen zu neuen (Gesamtkunst-)Werken anreicherte. In Skrjabins Spätwerk kommt es dann zu der Ausgestaltung einer extatischen Musik, die dem „Poème de l’extase“ auch den Titel gab und deren komplexe innere Verarbeitung nicht nur die Ausführenden vor anspruchsvolle Aufgaben stellt, man muss auch das eigene Hören neu erfahren.

Ilya Rashkovskiy, Valery Gergiev

Damit nicht genug hatte Gergiev am Donnerstag auch noch das diesem Werk nachfolgende, mit Solo-Klavier, Chor und Farbenklavier noch weiter in kosmisch-visionäre Dimensionen weisende Stück „Prométhée – Le Poème du feu“ ins Programm aufgenommen. Trotz einer manchmal überbordenden Lautstärke, die allerdings schon durch eine erhöhte Basis und Dichte im Ansetzen eines Tuttis zustandekam, war schon faszinierend zu erleben, wie Gergiev im Promethée die verschlungene Polyphonie auffädelte und harmonische Kühnheiten scharf zeichnete. Dass die Balance zwischen Bläsern und Streichern im „Poème de l’extase“ aber doch selten stimmen wollte, ist für ein solch hochrangiges Orchester ungewöhnlich. Gergiev legte das Augenmerk hier stärker auf das Vorzeigen des brillanten Blechklangs, natürlich samt einem Weltklasse-Solotrompeter.

Ilya Rashkovskiy, Valery Gergiev

Bei der Seltenheit, diese beiden Stücke einmal im Zusammenhang und durch die große Erfahrung der Interpreten auch nahezu authentisch zu erleben war im Promethée reichlich unverständlich, dass Gergiev gerade einmal zwölf Chorsänger für den Vokalisenpart besetzen ließ, die prompt im Orchestergetöse untergingen. Auch der russische Pianist Ilya Rashkovskiy konnte sich nur mit hartem Anschlag und einem verkrampften Körpergehabe, das überhaupt nicht zu Skrjabins Fluidum passen wollte, in das Werk einfügen. Schließlich war man natürlich erfreut, dass die synästhetische Ebene – Skrjabin sah in der Musik Farben und besetzte im Promethée ein Farbenklavier – in dieser Aufführung umgesetzt wurde (Farbenklavier aus dem Off: Danae Dörken), doch die Farben selbst waren eher kalt, nuancenlos und vor allem mit harten Schnitten gewechselt, was dem Gesamtwerk Kanten hinzufügte.

Auch der Zugabe von Rashkovskiy hätte es angesichts der noch rauschklingelnden Ohren nicht bedurft, doch ausgerechnet diese dunkelviolette Skrjabin-Etüde spielte er höchst innig und mit Farbbewusstsein, man wurde auf diese Weise wieder sanft aus den Sphären auf die Erde gesetzt. Dort tummelte sich um 1876 in Russland der Komponist Peter Tschaikowsky, der noch auf der Suche nach der persönlichen Bestimmung im Leben und Entfaltung seiner innersten Sehnsüchte war. Letztere finden wir gottlob heute in Noten gegossen etwa in seiner 4. Sinfonie f-Moll vor, die zwischen feinster Pizzicato-Leichtigkeit und bitterstem Drama des 1. Satzes zur emotionalen Achterbahnfahrt einlädt.

Valery Gergiev

So vergoldet aber, wie Gergiev diese Musik dem Dresdner Publikum vorstellte, bekommt man Tschaikowsky selten zu hören – wenn sich auch hier und da der Beigeschmack einer etwas glatten, aber natürlich im jahrelangen Vertrauen aufgebauten Perfektion hineinmischte. Gottlob wurde dieser Eindruck mit der nächsten durch Gergievs kaum zurückgehaltenenes Brummen angekündigten Steigerung wieder weggewischt, und ab und an marschierte er, ohne Pult auswendig dirigierend, auch gleich in die zweiten Geigen, um seine jeweiligen Intentionen zu unterstreichen. Die Zugabe des Mariinsky-Orchesters, Igor Strawinskys „Feuervogel“-Finale, selbstverständlich mit inkludiertem Weltklasse-Hornsolo, riss dann die Zuhörer endgültig von den Sitzen.

Fotos (c) Oliver Killig

 

 

 

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Veröffentlicht in Rezensionen

2 Kommentare

  1. Ich habe das Konzert in Berlin erlebt und mein Eindruck von Tschaikowsky war recht ähnlich. Man erwartet eine authentische Wahnsinns-Interpretation und dann klingt es etwas glatt. „Vergoldet“ ist das richtige Wort. Ich fand das Programm in Berlin fast interessanter: ein für mich unbekannter Schtschedrin, der mir sehr gut gefallen hat, und Schostakowitsch Cellokonzert 2. Natürlich war ich trotzdem froh, dass das Orchester von Dresden einen Abstecher nach Berlin machte (das Konzert firmierte als Gastspiel der Dresdner Musikfestspiele). Die spielen schon klasse. Das ohnehin nicht allzu große Konzerthaus hier war übrigens bei weitem nicht ausverkauft und ohne die zahlreichen russischen Besucher wäre es halb leer gewesen. Eigentlich sehr schade bei dem Niveau.

  2. akeuk akeuk

    Danke für diese Eindrücke aus Berlin!

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