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Aufrüttelnd.

 

 

Sonderkonzert der Staatskapelle Dresden zu den 10. Internationalen Schostakowitsch Tagen

Wie im letzten Jahr starten die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch auch in ihrem 10. Jahrgang mit einer sinfonischen Eröffnung, gespielt von der Staatskapelle Dresden. Das Festival ist ja schon aus Platzgründen stark der Kammermusik verpflichtet, der Schostakowitsch allerdings auch gebührenden Raum in seinem Schaffen und erst recht an diesem Ort einräumte. Doch so kommt auch die Sinfonik des Meisters zur Geltung und das Einläuten des Festivals war in diesem Fall mit den Sturmglocken der 11. Sinfonie g-Moll sogar wörtlich zu nehmen – hätte man das Stück direkt am Fluß aufgeführt, hätte es sicher die Elbe hinauf nach Gohrisch einen ordentlichen Schallwellenschlag gegeben.

Doch zuvor widmete sich die Staatskapelle Dresden, die für das  Auftaktkonzert am Mittwochabend in den Kulturpalast Dresden gezogen war, dem Klavierkonzert d-Moll KV 466 von Wolfgang Amadeus Mozart, das im Programmheft noch über die Anekdote, die russische Pianistin Maria Yudina habe dieses Werk in einer Über-Nacht-Aktion für Stalin eingespielt, der das Konzert zu hören wünschte, in einen etwas bemühten sowjetischen Kontext gestellt wurde. Das erledigte sich aber schnell, da andere Quellen behaupten, es sei das A-Dur Konzert KV 488 gewesen. Doch Mozart passt immer, und Dmitri Schostakowitsch spielte dessen Konzerte als junger Mann auch oft selbst, als er noch schwankte, ob er nicht doch eine Pianistenkarriere einschlagen sollte. Der schon mehrfach in Dresden zu erlebende US-amerikanische Pianist Kirill Gerstein ließ hier vor allem mit den Kadenzen aufhorchen, sie stammten nämlich vom Spätromantiker Ferruccio Busoni, somit gelang noch eine ganz andere Sicht auf Mozart.

Kirill Gerstein Sakari Oramo und die Sächsische Staatskapelle Dresden

Leider enttäuschte Gerstein an diesem Abend mit im Anschlag zu harten und das Stück stetig dramatisierenden Spiel, dem im davoneilenden 3. Satz die notwendige Atmung fehlte und im Mittelsatz die akustische Balance: warum traute sich Gerstein in diesem fabelhaften Saal nicht, die Melodiestimme wirklich in Ruhe und leise auszuformen? Dann wäre auch das Orchester automatisch leiser gefolgt. Unter Leitung des finnischen Gastdirigenten Sakari Oramo war die Staatskapelle Dresden in doch sehr großer Streicherbesetzung bei Mozart nicht am Ziel eines durchsichtigen, leichten Klangs angekommen. Die Charakteristik der Sätze hatten Oramo und Gerstein nicht auf einen greifbar zu fassenden Punkt gebracht, so schön hier auch einzelne Passagen gelungen waren.

Nach der Pause füllte sich die Bühne für Schostakowitschs 11. Sinfonie, die nicht oft zu hören ist und dem Komponisten 1956 in der Sowjetunion zu neuem Erfolg verhalf, da sie in vier großen Tableaus wie eine Musikdokumentation die Ereignisse des Petersburger Blutsonntages aus dem Jahr 1905 verarbeitet – ideologisch war das vollkommen kompatibel mit den sowjetischen Kulturleitlinien der damaligen Zeit. Beim Hören schluckt man denn auch einige Male, wenn klatschende Becken den Siegjubel untermauern, und trotzdem ist die Sinfonie „ganz Schostakowitsch“, denn losgelöst vom Programm könnte etwa der nach innen gewendete 1. Satz auch für etwas ganz anderes stehen.

Sakari Oramo

Oramo widmete sich genau diesem Satz auch mit einer faszinierenden Ruhe und ließ die Spannung aus der Fläche und aus den ganz natürlich entfalteten Soli von Horn und Trompete entstehen. Den explosiven Fortgang der Geschichte mit Aufstand, Niederschlagung und Trauermusik zeichnete Oramo dann in aller Drastik nach und wählte im zweiten und vierten Satz auch Tempi, die ebenso extrem erschienen wie die erreichte Phonstärke der Höhepunkte. Damit war aber eine Kompromisslosigkeit – die fabelhaft von Bässen und Celli angeführte Streicherpassage im 4. Satz sei hier stellvertretend genannt – erreicht, die diesem Stück adäquat erschien und es bei aller Härte der Darstellung trotzdem so positionierte, dass man zwar in den Strudel eintauchte, aber dennoch zur persönlichen Haltung zwischen musikalisch gereckten Fäusten und einer viel tiefer unter den Notenlinien liegender Wahrheit aufgerufen war: diese Sinfonie läßt den Zuhörer erst recht durch ihre Widersprüche und die schonungslos herausgeschleuderten Emotionen schlicht nicht in Ruhe. Diese aufrüttelnde Interpretation der Staatskapelle Dresden im Kulturpalast unter Sakari Oramo wurde lange bejubelt.

Fotos (c) Matthias Creutziger

Veröffentlicht in Rezensionen

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