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Bekannte Spielweisen – neue Sichtweisen

Abschlusswochenende des Moritzburg Festivals

Das war es – mit dem traditionellen Sonderapplaus für den Mitarbeiterstab ging das 27. Moritzburg Festival nach einem intensiven Konzertwochenende am Sonntagmittag zu Ende. Zuvor konnten die Zuhörer über zwei Wochen Kammermusik an den beliebten Spielstätten in und um Moritzburg genießen. Als auch in den letzten Konzerten bereichernde Neuerung ist sowohl die nun wieder parallele Führung der Moritzburg Festival Akademie mit 38 jungen Musikern zu nennen wie auch das mit der Kronberg Academy kooperierende Stipendiatenprogramm – damit sind die Ensembles mit fantastischen jungen Talenten durchmischt und zwischen bekannten Spielweisen und neuen Sichtweisen entstand eine spannende, frische Dynamik der Kammermusik.

Ein nicht alltägliches Konzertprogramm erwartete die Zuhörer am Sonnabend in der evangelischen Kirche Moritzburg. Nimmt man die Porträtstunde vor dem eigentlichen Konzert hinzu, so rundete sich der Bogen von Haydn zu Haydn. Doch während die beiden Cellisten Maciej Kułakowski und Hayoung Choi ein gefälliges, gar spitzzüngiges Duett des Kapellmeisters von Esterházy zur Aufführung brachten, wurde es zu späterer Stunde mit den „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ ernst und eindringlich. Dazwischen gab es einige Entdeckungen. Niccolò Paganinis Bearbeitung einer Opernarie aus Gioachino Rossinis „Mosè in Egitto“ war sicher der unterhaltsamste Beitrag. Mit solch lapidaren Themen konnte man im 19. Jahrhundert allerhand verrückte Dinge anstellen und so entwickelte sich zwischen Kułakowski und Choi ein Pingpong-Spiel quer durch alle möglichen und unmöglichen Lagen der Instrumente.

Ein Ausrufezeichen setzte dann eine Komposition von Hanns Eisler: seinem Streichtrio über die Tonbuchstaben B-A-C-H war die Erbauungsabsicht anzuhören, doch nach kaum fünf Minuten Dauer pfeffert der Komponist mit markigem Fortissimo das Stück regelrecht fort – welche Bach-Laus ihm da über die Leber lief, war nicht zu erfahren, hingegen zeichneten die drei Streicher Alexander Sitkovetsky, Ziyu Shen und Maciej Maciej Kułakowski den emotionalen Ausbruch gut nach. Dass nicht jeder Komponist gleich in jungen Jahren einen Geniestreich hinlegt, aber doch die ersten Kompositionen wie eine Befreiung und Manifestation wirken können, war im folgenden 1. Klavierquartett D-Dur von Antonín Dvořák zu spüren. Das Stück sprudelt vor lauter Ideen und Schönheiten, und vor allem die Schlichtheit des Variationssatzes in der Mitte wirkte authentisch, nicht verkünstelt. Immer wieder war es vor allem der sensible Boris Giltburg vom Klavier aus, der mit jedem kleinen Themensolo Schatzkisten öffnete und Kai Vogler (Violine), Ulrich Eichenauer (Viola) und Christian Poltéra (Cello) inspirierte. Mit der Schilderung dramatischer Lebensabgründe wartet das Quartett noch nicht auf, und so war es auch die richtige Entscheidung der vier Musiker, die Klangmöglichkeiten immer wieder neu zu definieren und so Platz für die feinen Details zu schaffen.

Festival-Bilanz
Die 23 Konzertveranstaltungen des 27. Moritzburg Festivals sind von über 7100 Musikfans besucht worden. Die Auslastung lag bei 95%. Das teilte das Festival am Sonntag nach dem Abschlusskonzert mit. Erstmals fanden das 1993 gegründete Moritzburg Festival und die seit 2006 existierende Moritzburg Festival Akademie parallel statt. Der künstlerische Leiter Jan Vogler resümierte: „Der Dialog der Generationen, auf atemberaubend hohem spielerischen Niveau, inspirierte diesen Jahrgang besonders.“

Nach der Pause stutzte nur derjenige, der mit einem Werk von Joseph Haydn einen kurzen und kurzweiligen Ausklang verband, denn das Quartettstück der Sieben letzten Worte dauert nicht nur über eine Stunde, es sind auch sieben langsame Sätze – samt Prolog und Epilog – mit den biblischen Passionsereignissen als Hintergrund. In der Musikgeschichte ist das einzigartig und von Musikern wie Zuhörern hochgeschätzt. Das Quartett mit Nathan Meltzer, Esther Hoppe, Ulrich Eichenauer und Guy Johnston kümmerte sich fast liebevoll um jede Melodiefortschreitung, jede Kadenz und vor allem die zahlreichen affektartigen Musikbilder – wobei die Todesthematik auch Trost und Erlösung, damit auch lichtere Klänge einschließt. So entstand am Ende eine Haydn ernstnehmende und absolut verschmelzende Aufführung voller Klangsinn, in der jedes Instrument seine anspruchsvolle Aufgabe beinahe demütig mit denen der anderen verband.

Zum Abschlusskonzert am Sonntagvormittag war die Kirche wie jedes Jahr komplett ausverkauft, und traditionell stand wieder das beliebte Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Programm, dessen Energie und Spielfreude jedes Jahr in leicht verändertem Besetzungsgewand erscheint. Zuvor lernten die Zuhörer ein weiteres Oktett in gleicher Streicherbesetzung kennen, das des Rumänen George Enescu (1881-1955), das zum ersten Mal beim Moritzburg Festival gespielt wurde. Hat man etwa in den vergangenen Jahren um dieses spätromantisch-eigenwillige Meisterwerk einen Bogen gemacht, oder geriet es schlicht nicht in den Fokus? Gerade erst begeisterte Enescus Oper „Oedipe“ bei den Salzburger Festspielen, auch dies eine fällige Wiederentdeckung, wie man überhaupt den Komponisten viel zu lange auf seine eingängigen „Rumänischen Rhapsodien“ einschränkte. Das Melodiegut der Heimat ehrte Enescu in seinen Werken ebenso wie etwa auch bei den Tschechen Dvořák und Janáček, doch hier im Oktett ist das nur eine Facette, die in Rhythmus und Harmonik immer wieder als heimatliche Insel angesteuert wird, nach allem Toben und Wüten.

Jedenfalls passt in diese mit berstender Polyphonie prall gefüllte Partitur keine Achtelnote mehr – es ist aber auch keine Note zuviel, weil sich alle Themen, Motive und Rhythmen derart sinnfällig miteinader verschlingen, dass ein Luftholen nur im choralartig zurückgenommenen dritten Satz möglich ist. Was für eine großartige Leistung der acht Musiker, namentlich Alexander Sitkovetzky, Nathan Meltzer, Kevin Zhu, Kai Vogler, Joshua Cai (aus der Akademie eingesprungen), Ulrich Eichenauer, Christian Poltéra und Guy Johnston. Ihnen allen klebte man beim Hören quasi am Instrument, so spannend fügte sich jeder in das Geschehen ein.

Dagegen war Mendelssohn im zweiten Teil tatsächlich eine leichte, leichtfüßige Unterhaltung, nun mit Kevin Zhu als Primarius, der anfangs einen vielleicht etwas zu direkten, scharfen Ton im 1. Satz anbot, dann aber mit den anderen wunderbar differenzierte. Wenn hier und da im Eifer des Gefechts bei diesem „Rausschmeißer“ nicht mehr jeder Übergang stimmte, so war dies mit der gegenseitig wirkenden Energie wieder völlig ausgeglichen – und genau in solchen Polaritäten und Vielfarbigkeiten vermag Kammermusik immer wieder zu begeistern.

Das 28. Moritzburg Festival wird vom 2. bis 16. August 2020 stattfinden.

CD-Tipp: Enescu: Oktett Opus 7 — Vilde Frang, Erik Schumann, Gabriel Le Magadure, Roseanne Philippens (Violine), Lawrence Power, Lily Francis (Viola), Nicolas Altstaedt, Jan-Erik Gustavsson (Cello), Warner Classics 2018

eine gekürzte Fassung dieses Textes erschien am 19.8. in den Dresdner Neuesten Nachrichten.

Fotos (c) Oliver Killig

Veröffentlicht in Rezensionen

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