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Böhmisches Kolorit mit Ausrufezeichen

Essener Philharmoniker gastierten mit „Dvořák!“ in der Dresdner Frauenkirche

Wenn man einen Namen mit Ausrufezeichen versieht, kann das verschiedene Gründe haben. Der Imperativ ist zumeist ein Ausruf des Besonderen und des Erstaunens, es kann aber auch sein, dass man den Angesprochenen vehement zum Essen ruft. Letzteres war beim Konzert „Dvořák!“ in der Frauenkirche Dresden am Mittwochabend aber kaum anzunehmen, weshalb man auf dem Pfad des Staunens besser unterwegs war. Nun sind die Werke des tschechischen Komponisten gern gehört und oft gespielt, doch tatsächlich warteten die Essener Philharmoniker bei ihrem Gastspiel in Dresden mit einem selten dargebotenen Stück von des Böhmen auf, einem Notturno in H-Dur für Streichorchester. Nun gut, nach zwei Takten rief der innere Musikkenner selbstverständlich „Dvořák!“, denn die Handschrift ist auch hier unverkennbar.

Das stimmungsvolle Stück war ein guter Einstieg für das Konzert, da die Streicher des traditionsreichen Orchesters aus dem Ruhrgebiet, das ja neben sinfonischen Konzerten auch die Oper in Essen, das Aalto-Theater, bespielt, hier gleich einmal das Aufeinanderhören im schwierigen Kirchraum üben durften, dabei durfte das Stück aber keinen Schwung verlieren. Das gelang auch deswegen sehr gut, da vom Dirigentenpult aus viel liebevolles Heimatkolorit versprüht wurde: Der 44-jährige tschechische Dirigent Tomáš Netopil steht dem Orchester seit 2013 als Generalmusikdirektor vor und war auch an der Semperoper Dresden schon bei  mehreren Produktionen im Graben zu erleben. Mit seinen Essener Philharmonikern gastierte er soeben beim angesehenen Dvořák-Festival in Prag und der Rückweg an die Ruhr wurde nun mit einem musikalischen Besuch in der Frauenkirche gekrönt.

Tomáš Netopil am Pult der Essener Philharmoniker

Zum Orchester gesellte sich für das Konzertwerk des Abends die aus München stammende, seit Jahren mit einem großen Repertoire auf den Bühnen der Welt begeisternde Geigerin Arabella Steinbacher. Im Programm gab es nun einen leichten Kontrast, denn statt des Dvořák-Konzertes stand Max Bruchs 1. Violinkonzert g-Moll auf dem Programm, bei dem spätestens im zweiten Satz des gemütliche Seufzen durch die Publikumsreihen wahrnehmbar ist: „Bruch!“ Nicht durchweg zum Zurücklehnen bestimmt und beabsichtigt war die Interpretation von Solistin und Orchester. Nach einer sehr langsamen Einleitung nahm Steinbacher den Kopfsatz mit schöner Bestimmung und Kraft, sie verlieh dem Stück so eine tragende Spannung. Die Essener in ihrem Rücken taten es ihr da nicht immer in Tempo oder Dynamik gleich, die kleinen Schwankungen waren aber verschmerzbar. Schade war allerdings, dass Steinbacher nach dem schönen Mittelsatz auch weiterhin viel zu viel an der Stradivari investierte. In dieser akustischen Umgebung hätte das Vertrauen in einen natürlichen Klang schon genügt, um etwa den Schlusssatz mehr Leichtigkeit zu geben, und ausgerechnet schnelle Nebennoten fielen dann in dieser Darstellung mit markigen Ausrufezeichen zu wenig präsent aus.

Die Essener Philharmoniker in der Frauenkirche Dresden

Im Bruch-Konzert fiel schon der ausnehmend schöne Gesamtklang der Holzbläser der Essener Philharmoniker auf, das setzte sich in der 7. Sinfonie d-Moll von Antonín Dvořák fort, und vor allem der Schluss des langsamen 2. Satzes war ein kleines Goldstück in der Aufführung. Im Tutti ließ Netopil mehr und mehr die Zügel locker, was aber eine nachteilige Balance zur Folge hatte. Ein plötzliches Forte im 1. Satz wurde etwa von verschiedenen Instrumentengruppen auch verschieden verstanden, der strömende, typische Dvořák-Klang war schwierig zu erreichen. Zudem überraschte (oh, „Dvořák!“) Netopil mit einer streng prononcierten Scherzo-Auslegung, das Trio war klanglich unbestimmt. Der 4. Satz barg wiederum viel schönes Ausmusizieren, doch der Betrieb, den Netopil vom Pult aus gerade in Steigerungen und Höhepunkten machte, war gar nicht notwendig und führte zu einem leider nur noch lärmenden, unangemessenen Schluss der Sinfonie. Hier fehlte das Einfühlungsvermögen, dass bei allem berechtigt-freudigen „Dvořák!!!“ auch das Leise und Zarte, etwa zu Beginn des 4. Satzes noch mehr zum Ereignis werden darf.

Photos (c) Peter Rigaud (1), Saad Hamza/TUP (2)

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