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Im Zwiegespräch mit Schubert

Klavier-Recital von Mitsuko Uchida im Dresdner Kulturpalast

Faszinierend an Klavier-Recitals ist – wenn es gelingt – die Schaffung eines je nach Persönlichkeit und Programm ganz eigenen Kosmos innerhalb eines einzigen Abends. Vom donnernd-unterhaltsamen Potpourri bis zur sinnigen oder sinnlichen Verhandlung großer Themen kann alles dabei sein. Steht nur ein Komponist auf dem Programm, dann geht es zumeist in die Tiefe der Auseinandersetzung, in das Porträt, in den Dialog. Die in Japan geborene und in London lebende, vielfach gefeierte und von den Briten zur Dame geadelte Pianistin Mitsuko Uchida (70) hatte sich zum Saisonauftakt der von den Dresdner Musikfestspielen veranstalteten Palastkonzerte ein reines Schubert-Programm ausgesucht und ein Blick in ihren Kalender verriet, dass sie quasi mit dem Komponisten den gesamten Herbst verbringt, immer wieder ausgesuchte Sonaten in wechselnder Kombination vortragend.

Im Kulturpalast konnten die Zuhörer am Sonntagabend ein interessantes Spektrum der Schubertschen Musik wahrnehmen – von der 1817 entstandenen, nur auf den ersten Blick unbekümmert-klassisch wirkende a-Moll Sonate D 537 über die kaum einmal im Konzertsaal zu hörende, so genannte „Reliquien“-Sonate D 840, bis hin zu Schuberts letzter, berühmter Klaviersonate B-Dur. Mit letzterer unterschreibt man als Interpret ohnehin einen Kontrakt mit Seriosität und Erfahrung, denn hier ist kein äußerlicher Glanz gefragt, sondern die Fähigkeit, tatsächlich mit den Noten etwas anfangen und erzählen zu können. Was hier im Geschriebenen fast lapidar klingt, ist nach dem Konzerterlebnis mit Mitsuko Uchida nicht weniger als eine kurze, sanfte und vor allem ehrliche Offenbarung des Mysteriums Musik. Denn alle drei Sonaten erfasst Uchida in ihrer Eigenheit mit einem absolut aufmerksamen, den Jetzt-Moment gestaltenden Interpretationswillen, der Respekt und Demut gegenüber Schubert zeigt, aber in den vielen feinen Nuancen ihres Spiels eben auch die pianistischen Möglichkeiten eines Nachvollzugs, einer Deutung, einer Frage oder eines Widerstands und Abbruchs immer neu ausformt.

Ruhige Bestimmung und Ausrichtung teilt sich in Uchidas Spiel sofort mit und bannt auch das Publikum, das nur nach dem 1. Satz der a-Moll-Sonate mit einiger Unsicherheit erste Begeisterung mitteilen will. Im 3. Satz dieser Sonate ist frappierend zu hören, wie fein die Kompassnadel von Uchida zwischen der von Schubert selbst angelegten Suche im Harmonischen bis zu eben dieser unwidersprechbaren Bestimmung eines „das ist so.“ in den letzten Takten ausschlägt.

Bei der hier als zweisätziges Fragment aufgeführten Sonate C-Dur D 840 hat man gar einige Male das Gefühl, einem komplexen und am Ende unergründlichen Versuch Schuberts beizuwohnen. Unglaublich schöne Motive wechseln sich mit einstimmig-schroffen Behauptungen ab, als würde man ein buntes Bild mit einem dicken Pinsel schwarz übermalen. Uchida läßt diese Welten nebeneinander bestehen, geleitet etwa in einem groß angelegten Leiserwerden die Repetitionen zur Tür hinaus und läßt den Gesang wieder herein. Die Sonate endet überirdisch, abhebend, und es braucht eine Pause voller Durchatmen im Publikum, bevor die Pianistin zum letzten Gang bittet.

Und der führt in der B-Dur-Sonate in vier Sätzen auf die Erde zurück. Im Rund im Kulturpalast herrscht nun absolute Stille, die aber nicht atemlos ist. Man begleitet Uchida gerne auf dieser Reise, bei der sie das Thema des 1. Satzes tatsächlich in drei verschiedenen Farben spielt: beim ersten Mal neu und unschuldig, beim zweiten vertraut, dann, nach der Durchführung, erhält es durch die Anreicherung etwas Traumartiges. Es gibt bei ihr keine Note ohne einen Kontext, und dennoch darf man sich über einen einzelnen Akkord in seiner klingenden Schönheit oder die immer wieder wie freundliche Fragezeichen platzierten Motive der Sonate freuen. Den 2. Satz nimmt Uchida sehr langsam und doch fühlt man sich in diesem ruhigen Puls sehr aufgehoben; kurz kommt der Gedanke auf, als wäre alles Dasein mit dieser Musik wieder ein bisschen mehr in Ordnung. Mit einem federleichten Scherzo und einem nun auch im Tempo ins Leben drängenden Finale beendet Uchida das große und großartige Schubert-Zwiegespräch. Ein tiefgehender musikalischer Abend, der lange nachhallt.

Veröffentlicht in Rezensionen

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