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Beethoven schwankend,
Berlioz spektakulär.

 

Dresdner Philharmonie spielte Dean, Beethoven und Berlioz im Kulturpalast

Ein recht buntes sinfonisches Programm offerierte die Dresdner Philharmonie am vergangenen Freitag im Saal des Kulturpalast, und das bewährte Gerüst von Orchesterstück, Konzert, Sinfonie taugt offenbar immer noch für Abwechslung und Kontrastbildung. Diesmal standen gar drei Stücke ohne rechte Beziehung nebeneinander, und prompt fiel das erste recht schnell dem Vergessen anheim und wurde auch vom Publikum ziemlich lustlos aufgenommen.

Das ist natürlich klar, wenn der so von der Philharmonie benannte „Composer in Residence“ bei seinem ersten Erklingen in den philharmonischen Konzerten weder persönlich anwesend ist und im Programm mit einem nicht gerade einfach aufzunehmenden Elfminüter am Rand des Geschehens verbleibt. Der Australier Brett Dean, als Bratscher wie als Komponist gleichermaßen aktiv, war übrigens 2009 schon einmal (so hieß eine ähnliche Reihe damals) „Komponist und Interpret“ bei der Dresdner Philharmonie. Schade, dass eine mutigere Orientierung hin zu jüngeren kompositorischen Stimmen bei den hiesigen Orchestern weiterhin ausbleibt. Eine echte Wertschätzung und Beschäftigung mit dem Neuen würde sich anders anfühlen als am Freitag, wo die Interpretation von Deans Orchesterstück „Amphitheatre“ aus dem Jahr 2000 unter Leitung des venezolanischen Gastdirigenten Rafael Payare zwar solide war und einige Schönheiten im leisen Aufbau von Klanglandschaften aufwies, aber eben kaum darüber hinaus zu berühren vermochte.

Überschrieben war das Konzert ja auch mit „Tripelkonzert“, doch womöglich angelockt wurde das zahlreich erschienene Publikum auch durch die Berlioz-Sinfonie, die immer Spektakel verspricht. Spektakel allerdings ist ein Begriff, der im Konzertrahmen zwiespältigen Geschmack hat. Mit Beethoven würde man ihn nicht unbedingt verbinden, doch nichts anderes war das, was die drei Solisten Guy Braunstein, Alisa Weilerstein, Inon Barnatan vermutlich mangels besserem Wissen oder Können aus dem Konzert für Violine, Violoncello und Orchester, dem berühmten „Tripelkonzert“ daraus machten. Man hörte drei – wie sich in der After Concert Lounge herausstellte, gut befreundeten – Solisten zu, die aber Solisten blieben.

Ihr Klang wollte nicht verschmelzen, vieles klang aus dem Bauch heraus musiziert, was ja per se nichts Schlechtes sein muss, aber da braucht es zu dritt zumindest eine Basis im Puls und in der Phrasierung. Barnatan, der sich für den Sichtkontakt zu seinen Kollegen fast verrenken musste, hatte vieles unkontrolliert in seinem Rücken, worauf er mit oft eintönig markiertem Klavierkommentar reagierte, während Weilerstein ihre Motive mit einem überzogenen Vibrato fast erdrückte. Als wäre dies nicht genug, schwankten in den Ecksätzen die Tempi je nach Gusto der Interpreten, so dass Payare am Pult lediglich freundlich mitging, ein Konzept war nicht erkennbar. Dass es für diese auch in der Intonation des Trios mangelhafte Darbietung nach dem 1. Satz noch Szenenapplaus gab, ist ein Kuriosum dieses Abends.

Nach der Pause gab erneut ein Spektakel – nun aber bereits vom Komponisten selbst als Sinnenrausch nach allen Regeln der Kunst inszeniert: Hector Berlioz „Symphonie Phantastique“ zieht alle orchestralen Register, und selbst wenn man diesmal die dafür im Original benötigten Instrumente Serpent und Ophicleide nur im Programmheft betrachten durfte, sorgten die Philharmoniker wieder einmal für einen überwältigenden Sound dieser Sinfonie. Rafael Payare dirigierte auswendig mit vollem Körpereinsatz – mit etwas weniger Überbetreuung hätte Payare auch einige Unruhe in den Streichern herausnehmen können. Seine Zielrichtung war allerdings die unumkehrbare Steigerung in den letzten beiden Sätzen, was immer gut funktioniert, aber auch einige Details überfährt. So blieb als feinste Erinnerung das Hirten-Zwiegespräch in der „Szene auf dem Lande“. Unter den drohenden Gewitterpauken blieben am Ende die Rufe des Englisch-Horns (Isabel Kern) unbeantwortet – ein stiller, schöner Moment im großen, phantastischen Berlioz-Zirkus.

Foto (c) Alexander Keuk

 

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